Hinweis zur Quellenlage: Diese Akte stützt sich auf kroatische Presseberichte, insbesondere auf Rekonstruktionen von Index.hr, Zagorje.com und Vježbe/FHS, sowie auf die englischsprachige Wikipedia-Zusammenfassung als Orientierungshilfe. Die frühe Biografie Pintarićs — insbesondere die Rolle des Vaters, die Ereignisse rund um OZNA und den Nachkriegskomplex — ist in den Quellen nicht einheitlich überliefert und wird im Text als in späteren Rekonstruktionen beschriebener Hintergrund, nicht als gesicherte Erzählung behandelt. Spätere Medienbilder haben Pintarić in Teilen romantisiert; diese Mythologisierung wird im Text ausdrücklich kritisch eingeordnet. Direkte Zitate werden nur dann verwendet, wenn sie in mehreren unabhängigen Quellen dokumentiert sind.
Die Architektur der Paranoia
Hrvatsko Zagorje ist kein wildes Land. Es ist ein gezähmtes Hügelland — sanfte Anhöhen, eingefasste Felder, Weinberge, verstreute Dörfer, Wochenendhäuser mit Holzzäunen und Gemüsegärten. Es ist die Art von Landschaft, über die man normalerweise schreibt, wenn man von ländlicher Stille spricht. Grün im Sommer. Nebelig im Herbst. Im Winter still bis auf das Tropfen von Dachtraufen.
Aber es hat auch Wälder. Und die Wälder liegen immer nah.
Für Vinko Pintarić war das keine Naturbeobachtung. Es war eine Lagebeurteilung. Er suchte sich Hütten und Wochenendhäuser nach bestimmten Kriterien aus: freier Blick auf die Zufahrtsstraße. Wald im Rücken. Möglichst keine Nachbarn, die genau hinsehen. Wer früh genug sah, konnte früh genug verschwinden.
Diese Logik nannte sich Überleben. Sie war auch die Logik eines Mannes, der sich mit der Zeit so sehr in seine eigene Paranoia eingeschrieben hatte, dass die Landschaft selbst zu einem Teil davon geworden war.
I. Der Mann im Wald
Vinko Pintarić wurde am 3. April 1941 in Zrinski Topolovac in der Nähe von Bjelovar geboren. Er wuchs in einer Zeit auf, die keine sanfte Zeit war: Zweiter Weltkrieg, Nachkriegsordnung, ein Jugoslawien, das sich mit Gewalt zusammenfügte.
Über seine frühe Kindheit existieren in späteren Rekonstruktionen verschiedene Darstellungen, die nicht völlig einheitlich sind. Mehrere Berichte beschreiben, dass er als kleines Kind erlebte, wie sein Vater von der jugoslawischen Geheimpolizei OZNA abgeholt und misshandelt wurde — unter dem Vorwurf der Kollaboration oder anderer politischer Vergehen. In einigen dieser Darstellungen starb der Vater infolge dieser Behandlung. Was aus diesen Ereignissen folgte — Stiefvater, Gewalt im Haushalt, soziale Isolation — wird in mehreren Quellen erwähnt, ohne dass sich daraus ein eindeutiges, quellengesichertes Bild ergibt.
Was gesagt werden kann: Pintarić entwickelte früh eine tiefe Misstrauensbereitschaft gegenüber Autoritäten. Er lernte Schusswaffen als praktische Gegenstände, nicht als abstrakte Drohungen. Er wilderte. Er hielt sich in Wäldern auf. Spätere Beschreibungen zeichnen ihn als schweigsam, wachsam und misstrauisch. Er lernte früh, seine Umgebung unter dem Gesichtspunkt von Gefahr zu lesen.
Solche Hintergründe erklären eine Gewaltbiografie nicht. Sie machen sie nur verständlicher.
II. Die ersten mörderischen Explosionen
Im April 1973 kam es in Zabok zu einem Nachbarschaftsstreit. Nach späteren Rekonstruktionen spielten dabei auch weggeworfene Holzlatten eine Rolle. Der tiefere Hintergrund lag wohl in Alkohol, Kränkung und aufgestauter Aggression.
Pintarić erschoss seinen Nachbarn Vid Želimorski und verletzte einen weiteren Mann aus der Nachbarschaft. Dann floh er.
Achtzehn Tage später stellte er sich der Polizei. Im Juli 1973 ordnete ein Untersuchungsrichter seine psychiatrische Begutachtung in der Anstalt Vrapče an.
Am 18. September 1973 floh er aus der Anstalt.
In seiner eigenen Logik führte das direkt zum nächsten Mord. Er glaubte, seine Ehefrau Katica habe die Polizei über seinen Aufenthaltsort informiert. Ob das stimmte, ist nicht gesichert. Was überliefert ist: Am 24. Oktober 1973 erschoss er sie mit einem Schuss aus einem Gewehr in den Kopf.
Er floh erneut. Drei Monate später, nach einem weiteren Zeitraum im Wald, stellte er sich freiwillig.
1974 wurde er angeklagt: zwei vollendete Morde, ein versuchter Mord, Schüsse auf Wohnhäuser. Das Gericht verurteilte ihn zum Tod. Das Urteil wurde in zwanzig Jahre Haft umgewandelt — zunächst in der Anstalt Stara Gradiška.
Sinngemäss nach Rekonstruktionen in Index.hr und Zagorje.com
Nach etwa acht Jahren Haft gelang Pintarić 1982 erneut die Flucht — nach späteren Rekonstruktionen über eine banale Lücke im Haftsystem. Er tauchte in den Wäldern von Zagorje unter. In dieser Phase häuften sich Einbrüche in Ferienhäuser, Diebstähle, Schüsse auf Häuser. Im April 1983 wurde er nach einem Zusammenstoß mit einem Vater und seinem Sohn wieder verhaftet. 1983 folgte eine neue Verurteilung: erneut zwanzig Jahre Haft, diesmal in Lepoglava.
III. Die Legendenmaschine
Irgendwann zwischen den Verhaftungen und den Fluchten, den Einbrüchen und den Schüssen, begann etwas zu geschehen, das nichts mehr mit dem tatsächlichen Vinko Pintarić zu tun hatte.
Er bekam einen Beinamen: Čaruga iz Zagorja — die Čaruga von Zagorje. Jovo Stanisavljević Čaruga war ein Räuber und Mörder aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, der posthum zur Folkloregestalt wurde — Teil eines balkanischen Imaginationsraums, in dem der bewaffnete Außenseiter gegen korrupte Ordnung steht. Die Übertragung dieses Namens auf Pintarić war keine Analyse. Es war eine Projektion.
Medien begannen, seine Fluchten und sein Waldleben als Abenteuer zu erzählen. Manche Berichte versahen ihn mit den Zügen eines einsamen Rebellen, eines Mannes, der lieber im Wald starb als im Gefängnis. In manchen Dörfern, nach späteren Berichten, mochten manche Menschen ihn, weil er niemanden aus dem Dorf bedrohte und gelegentlich höflich erschien.
Diese Erzählung ist falsch — nicht in dem Sinn, dass die beschriebenen Begegnungen nicht stattfanden, sondern in dem Sinn, dass sie das Gesamtbild verzerren.
Pintarić tötete fünf Menschen. Er erschoss einen Nachbarn wegen eines aufgeheizten Streits. Er erschoss seine Frau, weil er glaubte, sie verrate ihn. Er erschoss Rudolf Belina, weil er einen Polizisten in dessen Hütte gesehen hatte und das genug war. Er erschoss Štef Kišur wegen einer toten Henne. Er erschoss Božo Habek, weil dieser ihn fragte, ob er jemanden suche.
Das ist kein Robin Hood.
Sinngemäss nach Berichten in kroatischen Onlinearchiven
Aus dem Umfeld seiner letzten Lebensphase wurde berichtet, dass viele im Dorf wussten, wer er war, aber niemand sprach. Das war keine Solidarität mit einem Helden. Das war Angst vor einem Mann, der schon bewiesen hatte, was er tat, wenn er sich verraten fühlte.
IV. Die letzte Flucht
Am 3. September 1989 bekam Vinko Pintarić einen Hafturlaub aus Lepoglava. Er kehrte nicht zurück.
Er war 48 Jahre alt. Er hatte in seinem Leben mehr Jahre im Wald verbracht als außerhalb. Er kannte die Hügellandschaft von Zagorje besser als die meisten Menschen, die dort aufgewachsen waren und nie einen Grund gehabt hatten, sie taktisch zu lesen.
Er kehrte in seinen Waldmodus zurück.
Was das bedeutete: Er wählte sich Unterschlupf nach denselben Kriterien wie immer. Blick auf die Straße. Wald im Rücken. Kein fester Ort, kein Rhythmus, den jemand vorhersagen konnte. Er brach in Hütten und Wochenendhäuser ein. Er stahl, was er brauchte. Er schoss auf Häuser, wenn er glaubte, zu eng beobachtet zu werden. Er trank.
Der Alkoholkonsum nahm in dieser Phase nach späteren Berichten zu. Das ist keine Entschuldigung und keine psychologische Deutung. Es ist eine Beobachtung über die Kondition eines Mannes, der sich über Jahre in ein immer engeres System aus Misstrauen und Flucht eingeschlossen hatte und dessen Urteilsvermögen sich verschlechterte.
V. Die Mordserie der letzten Phase
Im Juni 1990 erfuhr die Polizei, dass Pintarić in der Gegend von Prosenik Začretski, nahe Zabok, gesehen worden war. Ermittler sprachen mit Rudolf Belina, dem Eigentümer einer nahe gelegenen Hütte.
Einige Tage später besuchte Pintarić Belina und erschoss ihn. Er hatte einen Polizisten in Belinas Hütte gesehen. Das war genug.
Kurz darauf erschoss Pintarić Štef Kišur. Auslöser war nach späteren Rekonstruktionen ein Streit im Umfeld von Barbara Šipek, in dem ein getötetes Huhn eine Rolle spielte.
Am 2. August 1990 traf Pintarić auf Božo Habek. Habek fragte ihn, ob er jemanden suche. Pintarić erschoss ihn.
Das ist der Kern dessen, was mit dem Begriff Paranoia gemeint ist, wenn man ihn auf diesen Fall anwendet: nicht die Angst vor echten Feinden, sondern die Unfähigkeit, zwischen realer Bedrohung und zufälliger Frage zu unterscheiden. Ein Mann, der fragt, ob man jemanden sucht, ist kein Verräter. Er ist ein Mann, der fragt, ob man jemanden sucht. Das wissen die meisten Menschen. Pintarić wusste es in diesem Moment nicht mehr.
Die Zagorje-Bevölkerung wusste, dass er in der Gegend war. Viele schwiegen. Das war keine Solidarität. Das war die vernünftigste Verhaltensweise angesichts dessen, was er tat, wenn er sich verraten fühlte.
VI. Der letzte Schuss im Mai
Anfang 1991 hatte die Polizei von Zabok ein spezielles Ermittlungsteam aufgebaut, das ausschließlich damit beauftragt war, Pintarić zu finden. Es war kein einfaches Jahr für kroatische Polizeikräfte: Das Land stand am Rand des Krieges. Die Ressourcen wurden bereits woanders gebraucht.
Im Mai 1991 erhielt das Team einen Hinweis. Pintarić besuchte regelmäßig Ankica Buhiniček, eine Frau, mit der er eine Beziehung führte, in Buhiničekov Jarak nahe Veliko Trgovišće. Er kam abends, kurz nach acht Uhr. Er ging früh morgens, kurz nach vier. Er kam aus dem Wald. Er verschwand in den Wald.
Drei Nächte lang beobachteten die Beamten das Haus. In der dritten Nacht sahen sie ihn kommen. Sie riefen Verstärkung — eine Spezialeinheit aus Kumrovec. Das Haus wurde umstellt.
Als Pintarić das Haus verließ, forderte die Polizei ihn zur Übergabe auf. Er eröffnete das Feuer.
Es gab einen Schusswechsel. Pintarić wurde verletzt und zog sich ins Haus zurück. Er verlangte seinen Anwalt. Der Anwalt kam. Nach Berichten der kroatischen Presse brach der Anwalt die Verhandlungen ab, als klar wurde, dass Pintarić nicht übergeben wollte.
Sinngemäss nach Berichten in Index.hr
Nachdem der Anwalt die Verhandlungen abgebrochen hatte, gaben die Einsatzkräfte Tränengas in das Gebäude. Als Pintarić dadurch teilweise kampfunfähig gemacht worden war, drangen die Polizisten gewaltsam ein. Einer der Beamten erschoss Pintarić mit einem Schuss in den Kopf.
Der Einsatz zog sich über Stunden hin; als der 25. Mai 1991 anbrach, war Pintarić tot. Er war fünfzig Jahre alt.
In den letzten Minuten vor dem Einsatz hatte er auf Ankica Buhiniček geschossen. Er vermutete, sie habe ihn verraten. Sie wurde in den Bauch getroffen. Sie überlebte.
Epilog: Der Wald vergisst nicht
Es wäre einfach, an dieser Stelle zu schreiben, dass der Wald ihn verschluckt und wieder ausgespuckt hatte. Dass die Hügel von Zagorje jetzt wieder still sind. Dass er dort lebte und dort starb und das seine Geschichte war.
Aber das wäre die Legendenversion. Und er hat keine Legende verdient.
Was er verdient hat — oder genauer: was die Menschen, die er tötete, verdient haben — ist eine nüchterne Betrachtung. Vid Želimorski starb in einem aufgeheizten Nachbarschaftsstreit. Katica Pintarić starb, weil ihr Mann glaubte, sie sei eine Verräterin. Rudolf Belina starb, weil Pintarić einen Polizisten in seiner Hütte gesehen hatte. Štef Kišur starb wegen einer Henne. Božo Habek starb, weil er eine Frage gestellt hatte.
Das sind fünf Menschen.
In Teilen des regionalen Gedächtnisses wurde aus Pintarić eine Figur — der Waldgeist, der Rebell, der Mann, der sich dem System nicht beugte. Diese Erzählung ist verständlich, wenn man bedenkt, wie Menschen in ländlichen Räumen mit Angst umgehen: indem sie ihr ein Gesicht geben, das sich anfühlt wie eine Geschichte. Aber sie ist nicht wahr.
Pintarić starb nicht als Legende. Er starb als Mann, der auf seine Partnerin schoss, weil er glaubte, sie habe ihn verraten. Als Mann, dessen Paranoia am Ende so weit gediehen war, dass er nicht einmal mehr zwischen denen unterscheiden konnte, die ihn tatsächlich kannten, und denen, die ihn zufällig trafen.
Der Wald bewahrte ihn nicht. Er verlängerte nur sein Gefängnis.
Kein Fall ist je wirklich geschlossen.
Archiv-Notiz
Akte #012 ist im Hauptarchiv verzeichnet. Dieses Dossier behandelt Vinko Pintarić als Täter, nicht als Volksfigur. Die Legendenbildung um seine Person wird kritisch eingeordnet.
Quellen & weiterführende Dokumente
Kroatische Pressearchive und Rekonstruktionen
- Index.hr: 'Pokolj u Zagorju jezivo podsjetio na zloglasnog ubojicu Vinka Pintarića' (2008) — umfangreiche kroatische Fallrekonstruktion
- Zagorje.com: 'Vinko Pintarić — Krvavi junak zagorskih brega' — regionale Rekonstruktion; atmosphärisch nützlich, mit kritischer Distanz zu romantisierenden Tendenzen zu lesen
- Vježbe/FHS: 'Tko je bio Vinko Pintarić' (2023) — biographische Zusammenfassung
Fünf Opfer — Tod bei Polizeieinsatz am 25. Mai 1991 — die Legende stimmt nicht
Ende der Akte — Fall geschlossen

