Hinweis zur Quellenlage: Diese Akte stützt sich auf historische Presseberichte aus dem Jahr 1916, auf die deutschsprachige und englischsprachige Wikipedia als Orientierungshilfe sowie auf sekundäre historische Rekonstruktionen. Der Fall Béla Kiss wurde von Beginn an von Sensationspresse begleitet, die Opferzahlen, Details der Entdeckung und angebliche Spuren nach dem Verschwinden widersprüchlich überliefert hat. Die Zahl der Opfer schwankt in verschiedenen Quellen erheblich — von sieben auf dem Grundstück aufgefundenen Leichen bis zu Angaben von 24 oder mehr. Gesichert ist ein Kern des Verbrechens; viele Einzelheiten sind nicht verlässlich belegt. Die Nachgeschichte — Flucht, Sichtungen, spätere Lebensspuren — gehört in den Bereich historischer Phantomüberlieferung und wird entsprechend behandelt. Der Begriff „Vampir von Cinkota" entstammt der zeitgenössischen Sensationspresse und ist keine forensische Beschreibung.
Der Hof in Cinkota
Im Sommer 1916, als der Erste Weltkrieg Europa seit zwei Jahren zerfraß und die Listen der Gefallenen immer länger wurden, hatte Cinkota andere Sorgen als die Metallbehälter eines einberufenen Spenglermeisters.
Cinkota war damals ein Dorf am Rand von Budapest — kein abgelegener Ort, aber ein stiller, vorstädtischer Raum, in dem Handwerker lebten, Gärten gepflegt wurden und die Nachbarn sich kannten. Das Haus an der Kossuth-Straße, das Béla Kiss seit Jahren bewohnt hatte, war eines wie viele andere. Fassade, Hof, Werkstatt, Schuppen.
Der Vermieter hatte bei der Polizei angefragt, was er mit sieben großen Metallbehältern anfangen solle, die er auf dem verlassenen Grundstück vorgefunden hatte. Kiss, so hieß es, sei an der Front gefallen. Die Behälter seien seine.
Ein Beamter kam. Er dachte zunächst an Benzin — Kiss hatte seinen Nachbarn erklärt, er lagere Treibstoff für den Kriegsfall. Ein brauchbarer Gedanke in Zeiten der Rationierung. Der Behälter wurde geöffnet.
Was der Beamte roch und dann sah, war kein Benzin.
I. Der Mann mit der tadellosen Fassade
Béla Kiss, geboren um 1877 in Izsák, lebte seit etwa 1900 in Cinkota und arbeitete dort als Spengler — ein Handwerker, der Blech formte, lötete, versiegelte. Das war ein solider, nüchterner Beruf. Er verlangte Sorgfalt, technisches Verständnis, Geduld. Kiss hatte offenbar alle drei Eigenschaften.
Seine Nachbarn beschrieben ihn übereinstimmend als umgänglich, ruhig, angenehm. Er war belesen, interessierte sich nach späteren Rekonstruktionen für Astrologie und möglicherweise für andere okkulte Themen — ein Detail, das in manchen Darstellungen stark betont wird und in anderen kaum vorkommt; es ist quellenkritisch nicht mit letzter Sicherheit zu belegen, wie weit dieses Interesse reichte. Was die Quellen nahelegen: Er war kein sozialer Außenseiter. Er war das Gegenteil.
Er lebte zunächst mit seiner Frau Marie. Um 1912 verschwand sie — Kiss erklärte seinen Nachbarn, sie habe ihn für einen Liebhaber verlassen. Niemand zweifelte daran. Ein Ehemann, der seinen eigenen Betrug eingesteht, wirkt aufrichtig. Kiss stellte eine Haushälterin ein — Frau Jakubec, eine ältere Frau, die ihm treu ergeben blieb und von der späteren Entdeckung offenbar vollständig überrascht wurde.
Und er begann, Briefe zu schreiben. Viele Briefe.
II. Die Frauen, die verschwanden
Vor dem Ersten Weltkrieg waren Heiratsannoncen für viele alleinstehende Frauen ein legitimer Weg, einen Ausweg aus wirtschaftlicher Unsicherheit zu suchen. Genau dieses System nutzte Kiss.
In späteren Berichten kursieren Zahlen, die weit auseinandergehen: hunderte von Antworten auf seine Anzeigen, Dutzende von Versprechen, eine nicht genau bestimmbare Zahl von Frauen, die ihn persönlich aufsuchten. In einem Zimmer seines Hauses fanden die Ermittler einen Schreibtisch mit Briefen — wie viele es waren, ist in den Quellen nicht einheitlich überliefert. Manche Darstellungen sprechen von Briefen an 74 Frauen, andere nennen andere Zahlen.
Sinngemäss nach historischen Presseberichten und sekundären Rekonstruktionen
Kiss verwendete nach späteren Ermittlungsrekonstruktionen anscheinend einen Decknamen — in manchen Quellen wird „Hoffmann" erwähnt —, unter dem er Kontakt zu Frauen aufnahm. Er stellte sich als wohlhabenden Witwer vor, machte finanzielle Versprechen und lud Frauen nach Cinkota ein. Sie kamen. Sie kehrten nicht zurück.
Was sich daraus als Muster abzeichnet, ist beklemmend schlicht. Die Frauen, die er auswählte, waren oft alleinstehend, wirtschaftlich verletzlich, ohne starkes soziales Netz. Ihr Verschwinden ließ sich erklären — sie hatten eine Ehe angekündigt, waren in eine andere Stadt gegangen, hatten den Kontakt abgebrochen. Niemand fragte weiter. Nicht lange.
III. Die Fässer
Die Polizei öffnete und untersuchte die auf dem Grundstück gefundenen Behälter. In mehreren befanden sich Leichen.
Zeitgenössischen Ermittlungsberichten und historischen Presseberichten zufolge wurden sieben Frauen in Säcke eingenäht und in Alkohol konserviert in den Fässern gefunden — sechs davon mit hoher Wahrscheinlichkeit identifiziert. Andere Quellen sprechen von höheren Gesamtzahlen; die Angaben schwanken erheblich, von 23 bis zu mehr als 24 Opfern insgesamt, wobei manche Darstellungen weitere Fässer an anderen Orten oder spätere Funde einberechnen. Diese Diskrepanz ist nicht auflösbar — der Kern der Entdeckung ist gesichert, die genaue Opferzahl ist es nicht.
Was keine Quelle bezweifelt: Die Art der Konservierung war keine zufällige oder hastige Tat. Die Leichen waren in Säcke eingenäht worden. Die Behälter waren luftdicht versiegelt — ein Handwerk, das Können verlangte, und das Kiss als ausgebildeter Spengler zweifellos besaß. Die Konservierung in Alkohol hatte die Leichen über Jahre hinweg erhalten.
Das war keine Panikhandlung. Das war eine Methode.
Sinngemäss nach historischen Presseberichten 1916 und späterer Sekundärliteratur
Die sofort nach dem Fund öffentlich durchgeführte Autopsie ergab, dass die Opfer erwürgt oder vergiftet worden waren. Die Werkstatt des Täters hatte ihm nicht nur seinen Beruf ermöglicht — sie hatte ihm auch die Mittel gegeben, die Folgen seiner Taten unsichtbar zu machen.
Spätere Berichte erwähnen außerdem Bücher über Gifte und Würgetechniken in einem Zimmer des Hauses. Ob diese Angabe auf belastbaren Ermittlungsunterlagen beruht oder auf journalistischer Zuspitzung, lässt sich heute nicht mehr sicher entscheiden. Sie fügt sich in das Bild einer Doppelexistenz — aber sie darf nicht als gesicherter Befund gelesen werden.
IV. Der Krieg als Fluchtnebel
Béla Kiss wurde im November 1914, kurz nach Kriegsbeginn, in die Österreich-Ungarische Armee eingezogen. Er gehörte der 40. Honvéd-Infanteriebrigade an. Er ließ sein Haus in der Obhut von Frau Jakubec zurück und zog in den Krieg — wie Hunderttausende andere auch.
Als die Entdeckung 1916 bekannt wurde, war Kiss bereits seit Monaten aus dem zivilen Leben verschwunden. Die Meldung, er sei an der Front gefallen, kursierte. Die Polizei versuchte, ihn in den Militärregistern zu finden.
Was dann folgt, ist der Bereich der Geschichte, in dem gesicherte Fakten in Rekonstruktionen übergehen.
In einigen Darstellungen fand die Polizei Kiss im Lazarett von Valjevo in Serbien — lebend, aber als jemand anderen eingetragen. Die Geschichte lautet: Kiss hatte die Identität eines toten Kameraden angenommen und sich damit aus dem militärischen System herausgelöst. Diese Version ist quellenkritisch nicht gesichert. Sie stammt aus frühen Rekonstruktionen und wurde in der Sensationspresse weitergeschrieben.
Was gesichert ist: Der Erste Weltkrieg war eine gigantische Verwaltungskatastrophe. Hunderttausende Männer verschwanden in ihr — durch Tod, Desertion, Identitätsverlust, Lagerhaft, Flucht. Der Krieg selbst war die Flucht. Er brauchte keine besondere Raffinesse dafür — er brauchte nur das Chaos, das ohnehin herrschte.
Béla Kiss wurde nie gefasst. Er wurde nie wieder eindeutig identifiziert.
V. Das Phantom
In den Jahren nach 1916 begann die Geschichte, die in jeder Kriminallegende irgendwann beginnt: die Geschichte der Sichtungen.
1920 soll ein ungarischer Beamter Kiss auf einem Budapester Markt erkannt haben. 1932 soll ein New Yorker Detektiv einen Mann in einer Tanzbar gesehen haben, der Kiss gewesen sein könnte — ehe er reagieren konnte, war der Mann weg. Dazwischen kursierte die Geschichte eines Fremdenlegionärs mit ungewöhnlichen Kenntnissen im Würgen und Messerkämpfen, der sich gelegentlich verplapperte.
Als Quelle tragen diese Berichte nicht.
Sie entstammen nicht polizeilichen Protokollen. Sie entstammen der Erinnerung von Menschen, die nachher berichteten, was sie gesehen zu haben glaubten — oder der Presse, die ihnen dabei zuhörte. Das Zentrum des Falls ist Cinkota, nicht Times Square. Wer die Sichtungen stärker erinnert als die Fässer, hat sich von der Legende führen lassen.
Sinngemäss nach späteren Zusammenfassungen und historischen Sekundärdarstellungen
Kiss blieb in den Nachforschungen ein Gespenst. Jede vermeintliche Sichtung bestätigte nicht seine Existenz, sondern seine Abwesenheit. Er war nicht greifbar — und das wurde mit der Zeit selbst Teil seines Bildes. Was als gesicherter Kern bleibt: Béla Kiss verschwand nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus dem Sichtfeld der Behörden und wurde danach nie wieder eindeutig lokalisiert oder verhaftet. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
Epilog: Die großen Täter und der historische Nebel
Es gibt Verbrecher, die groß werden, weil ihre Taten groß waren. Und es gibt Verbrecher, die groß werden, weil die Lücke, die sie hinterlassen haben, mit Imagination gefüllt wird.
Béla Kiss gehört zur zweiten Kategorie.
Was gesichert ist, ist bedrückend genug: ein Mann, der Frauen durch Heiratsversprechen in sein Haus lockte, sie tötete und in metallene Behälter einnähte, die er mit dem handwerklichen Können seines Berufs für Jahre versiegelt hielt. Wie viele Frauen es waren, ist nicht restlos geklärt. Wer sie alle waren, ist nicht vollständig dokumentiert.
Diese Lücken haben eine Geschichte nach sich gezogen, die größer wurde als der Kern. Die Sensationspresse von 1916 nannte ihn den „Vampir von Cinkota" — nicht weil er Blut trank, sondern weil die Bilder von in Flüssigkeit konservierten Leichen ein Schauerbild brauchten, das ins Zeitalter der Schauerromane passte. Dieser Name ist eine Presseerfindung. Er sagt mehr über 1916 als über Béla Kiss.
Der Fund in Cinkota war konkret; alles, was danach kam, wurde diffuser. Die Behälter wurden geöffnet, die Toten untersucht, das Haus durchsucht. Aber der Mann dahinter hatte sich bereits in eine Institution aufgelöst, die keine genauen Buchführer kannte: den Ersten Weltkrieg.
Er verschwand nicht nur als Mensch. Er verschwand in einem Zeitalter, das seine Spuren mit Krieg, Bürokratie und Sensationspresse überlagerte.
Kein Fall ist je wirklich geschlossen.
Archiv-Notiz
Akte #014 ist im Hauptarchiv verzeichnet. Dieses Dossier behandelt den Fall Béla Kiss auf der Grundlage historischer Kernquellen und markiert die weit verbreitete Sensationsüberlieferung ausdrücklich als solche. Die Opferzahl ist quellenkritisch nicht restlos zu fixieren. Die Nachgeschichte ist historisch ungesichert.
Quellen & weiterführende Dokumente
Historische und enzyklopädische Grundlagen
Zeitgenössische Grundlage
- Budapester Presseberichte, 1916: zeitgenössische Erstberichterstattung; quellenkritisch zu behandeln, da stark von Sensationsmotiven geprägt
Sekundäre Aufarbeitungen
- Mental Floss: "The Terrifying Story of Bela Kiss" (2023) — englischsprachige Zusammenfassung mit quellenkritischen Hinweisen auf widersprüchliche Opferzahlen
- A&E Network: Überblick über den Fall und seine Nachgeschichte
Entdeckung 1916 — Opferzahl nicht restlos gesichert — Täter nie gefasst
Ende der Akte — Phantom der Kriminalgeschichte

