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Schauplatz der Brabant-Killer, Belgien — Überfallserie 1982–1985

Brabant, Belgien — 1982–1985.

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Fall-Nr. ATW-2026-024OFFENTÄTER UNBEKANNT

Akte 024 – Die Killer von Brabant

28 Tote. Kleine Beute. Und ein Land, das nie erfuhr, wer wirklich schoss.

TatortProvinz Brabant, Belgien
Tatzeit1982–1985
Lesezeitca. 32 Min.

Hinweis zur Quellenlage: Diese Akte stützt sich auf die niederländische, französische, deutsche und englische Wikipedia-Chronik als Aggregator, auf die investigative Archivseite bendevannijvel.com, auf zeitgenössische und aktuelle Berichterstattung von VRT NWS, RTBF, De Standaard, Le Soir, BRUZZ, NOS, ICI (France Bleu/France Info), The Guardian und Reporters Online, sowie auf den Untersuchungsbericht der belgischen Parlamentskommission zu den „Tueurs du Brabant“. Bendevannijvel.com wird als Chronik- und Rechercheportal verwendet, nicht als alleinige Quelle für strittige Details. Niemand wurde für die Taten der Brabant-Killer rechtskräftig verurteilt. Die Identität der Täter ist bis heute nicht gesichert. Sämtliche Hypothesen zu Tätergruppen, politischen Hintergründen oder Einzelpersonen werden im Text als Hypothesen gekennzeichnet, nicht als Tatsachen.

Prolog: Der Parkplatz

Aalst, Ostflandern, Abend des 9. November 1985, kurz vor halb acht.

Ein Supermarkt der Kette Delhaize, Samstagabend, Menschen mit vollen Einkaufswagen. Gilbert Van de Steen lädt mit seiner Frau Thérèse und den Kindern die Einkäufe ins Auto. Rebecca ist vierzehn. Ihr Bruder David ist neun.

Dann Schüsse. Auf dem Parkplatz. Bevor die Männer überhaupt den Supermarkt betreten haben.

Wenige Minuten später sind acht Menschen tot. Die Beute lag unter einer Million belgischer Francs.

Die Beute war klein. Die Angst blieb.

I. Die Namen der Bande

Für das, was zwischen 1982 und 1985 durch Belgien zog, gibt es mehrere Namen — und keinen einzigen gesicherten.

Auf Niederländisch: Bende van Nijvel. Auf Französisch: Tueurs du Brabant oder Tueurs fous du Brabant. Auf Deutsch: Brabant-Killer.

Es gibt keinen Namen einer Person, den man ihnen geben könnte. Also gab man ihnen den Namen einer Landschaft.

28 Menschen starben zwischen 1982 und 1985. Zahlreiche weitere wurden verletzt; je nach Zählung werden mehr als zwanzig bis rund vierzig Verletzte genannt. Die Taten konzentrierten sich auf die Provinz Brabant, reichten aber auch nach Ostflandern, Hennegau, Namur und einmal nach Frankreich, ins nordfranzösische Maubeuge.

Es gibt keine rechtskräftig identifizierten Täter. Es gibt drei Phantombilder — „der Riese“, „der Killer“ und „der Alte“ —, die in den meisten großen Überfällen wiederkehrend beschrieben wurden. Das sind polizeiliche und mediale Chiffren, keine identifizierten Personen.

II. Die ersten Spuren

Am 13. März 1982 wird in Dinant ein Jagdgewehr gestohlen, dessen Lauf und Schaft man später abgesägt wiederfindet. Im August 1982 wird ein Geschäft im nordfranzösischen Maubeuge überfallen — mit demselben Fluchtfahrzeug, das sechs Wochen später erneut auftaucht.

Am 30. September 1982 betreten zwei bewaffnete Männer den Waffenladen von Daniel Dekaise in Wavre. Sie schlagen Dekaise und seine Kunden, wählen gezielt rund fünfzehn Waffen aus — Maschinenpistolen, keine Massenware. Ein Polizist, der die Verfolgung aufnimmt, wird erschossen.

Die gezielte Auswahl zeugte von Waffensachkenntnis, nicht von Zufall.

III. Überfälle, die nicht wie Raub wirkten

In der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1982 dringt die Bande in ein Gasthaus in Beersel ein. Der Hausmeister wird schwer misshandelt und getötet; die Täter bedienen sich an den Vorräten und trinken Champagner, bevor sie verschwinden.

Anfang Januar 1983 wird in Mons der Taxifahrer Constantin Angelou erschossen im Kofferraum seines eigenen Wagens gefunden — mit derselben Waffe wie in Beersel.

Es folgen Überfälle auf Delhaize Genval (11. Februar), Delhaize Uccle (25. Februar), Colruyt Halle (3. März), GB Houdeng-Gœgnies (7. Mai) — Beute meist im niedrigen fünfstelligen Bereich.

Am 10. September 1983 überfällt die Bande eine Textilfabrik in Temse. Ein Hausmeisterehepaar wird angeschossen, der Mann stirbt. Gestohlen werden sieben Prototypen kugelsicherer Kevlar-Westen aus einem Safe, von dessen Existenz nur wenige wussten. Das war keine zufällige Beute, sondern das Resultat präzisen Insiderwissens.

Am 17. September 1983 werden bei Nivelles ein Mann und eine Frau an einer Tankstelle erschossen; eine alarmierte Gendarmerie-Streife wird beschossen, ein Gendarm getötet. Nach dieser Tat erhält die Bande ihren bekanntesten Namen: Bende van Nijvel.

Am 2. Oktober 1983 wird in Ohain der Geschäftsmann Jacques van Camp ermordet — eine Tat, die später wiederholt mit Spekulationen über illegale Partys und Waffenhandel in Verbindung gebracht wurde, ohne dass diese Verbindung je bewiesen wurde. Am 7. Oktober 1983 folgt ein weiterer Überfall auf einen Delhaize in Beersel; ein Zeuge beschreibt einen Täter mit einem 3,5 Zentimeter großen Muttermal im Nacken — ein Detail, nach dem die Polizei noch Jahrzehnte später öffentlich fahndete.

Am 1. Dezember 1983 wird in Anderlues ein Juwelierehepaar erschossen, die Beute: Uhren und Schmuck im Wert weniger tausend Euro.

Die Bande zeigte Ortskenntnis, Planung, Waffensachverstand — und eine Gewaltbereitschaft, die weit über das hinausging, was jede dieser Beuten hätte rechtfertigen können.

IV. Die Pause

1984 verzeichnen die Ermittler keinen einzigen großen, der Bande sicher zugeschriebenen Überfall. Zwanzig Monate Stille.

Es war nicht vorbei.

V. Der Herbst 1985

Freitag, 27. September 1985, gegen 20 Uhr: Delhaize Braine-l’Alleud, drei Tote, zwei Verletzte. Fünfzehn bis fünfundzwanzig Minuten später: Delhaize Overijse, fünf Tote, ein Verletzter — unter den Toten der Bankier Léon Finné, dessen Name später wiederholt mit Waffenhandel-Spekulationen verknüpft wurde, ohne Beweis.

Zwei Überfälle, ein Abend, acht Tote. Danach verstärken viele Geschäfte ihre Sicherheitsmaßnahmen. Es half nicht.

VI. Der Parkplatz von Aalst

Samstag, 9. November 1985, gegen 19 Uhr 30. Delhaize Aalst.

Die Männer eröffnen das Feuer, bevor sie das Gebäude betreten — auf dem Parkplatz, auf Kunden. Gilbert und Thérèse Van de Steen und ihre vierzehnjährige Tochter Rebecca werden erschossen. Ihr neunjähriger Sohn David läuft zurück zum Eingang; die Täter zielen gezielt auf ihn und schießen ihm in die Hüfte. Er überlebt, schwer verletzt, als einziges Familienmitglied.

Im Innern zwingen die Männer Kunden zu Boden. Wer flieht, wird erschossen. Acht Menschen sterben. Die Beute: 937.777 belgische Francs — nominal rund 23.000 Euro. Für acht Tote war selbst diese Summe eine Antwort, die nichts erklärte.

Ein Schießausbilder der Polizei, Eddy Nevens, ist zufällig vor Ort und feuert auf die fliehenden Täter. Er ist überzeugt, einen von ihnen getroffen zu haben — eine der langlebigsten Theorien dazu, warum die Bande danach nie wieder zuschlug. Bewiesen ist das nicht.

VII. Zu wenig Geld für so viel Tod

Die Ermittler standen vor einem Abgrund aus Widersprüchen: Handelte es sich um eskalierte Raubüberfälle? Diente das Geld nur als Tarnung für gezielte Auftragsmorde, wie es im Fall des Bankiers Finné vermutet wurde? Oder war die extreme Gewalt selbst die eigentliche Botschaft, ein Mittel zur Destabilisierung des Staates?

Keine dieser Deutungen ist bewiesen. Die Antworten blieben aus — und genau das hält den Fall bis heute am Leben.

VIII. Ein Staat sucht im Nebel

Die Ermittlungen zerfielen über Jahre in konkurrierende Spuren, Zuständigkeiten und Verdachtswelten. Belgien hatte parallele Polizeistrukturen — Gemeindepolizei, Gerichtspolizei, Gendarmerie —, die nicht immer koordiniert arbeiteten. Beweisstücke gingen verloren, darunter das Fluchtfahrzeug von Wavre, versehentlich verschrottet.

Acht Tage nach dem Überfall in Wavre lag bereits ein Fahndungshinweis vor, der einen möglichen Verdächtigen — später als einer der Brüder Sliman identifiziert — mit der Tat verband. Der zuständige Gendarm soll den Bericht als unbedeutend abgelegt haben. Der Hinweis verschwand für Jahrzehnte.

Die Staatsanwaltschaft Mons klagte in den 1980ern eine Gruppe namens „die Borains“ an, gestützt auf widersprüchliche, unter Druck erzielte Geständnisse und fehlerhafte Ballistik. 1988 sprach das Gericht sie frei. Parlamentarische Untersuchungskommissionen kritisierten die Ermittlungsführung scharf.

2019 geriet sogar ein ehemaliger Polizeibeamter ins Visier der Justiz, weil er verdächtigt wurde, die Ermittlungen durch den Umgang mit Beweismaterial behindert zu haben. Auch daraus wurde keine Verurteilung. Noch 2020 veröffentlichte die belgische Polizei das Foto eines unbekannten Mannes mit einer Franchi SPAS-12 und bat um Hinweise. Auch Jahrzehnte später blieb die Akte ohne ein einziges identifiziertes Gesicht.

IX. Die großen Hypothesen

Gewöhnliche Schwerkriminalität: Eine kleine Gruppe extrem gewaltbereiter Krimineller ohne politisches Motiv.

Ex-Gendarmen / Sicherheitskreise: Mehrere ehemalige Angehörige der Spezialeinheit „Groupe Diane“ gerieten in Verdacht, wegen Ähnlichkeiten mit Phantombildern. Keiner wurde verurteilt.

Rechtsextreme Netzwerke / Westland New Post: Wiederholt mit dem Fall verknüpft, ebenso die „Strategie der Spannung“. Eine parlamentarische Untersuchung fand keine belastbaren Beweise für eine Verbindung zum Gladio-Netzwerk.

Christiaan Bonkoffsky: 2017 berichtete sein Bruder öffentlich, er habe auf dem Sterbebett gestanden, „der Riese“ gewesen zu sein. Diese Spur weckte kurzzeitig die Hoffnung auf ein spätes Geständnis. Einen gerichtsfesten Beweis lieferte sie nicht.

Die Brüder Sliman: Der pensionierte Gendarm Jean-Pierre Adam entdeckte einen jahrzehntealten Fahndungshinweis, der Xavier Sliman mit dem ersten Überfall der Bande — Wavre 1982 — in Verbindung brachte. Beide Brüder sind mittlerweile verstorben; ihr kriminelles Profil und ihre Nähe zur belgischen Grenze machten die Spur plausibel genug, dass die Justiz sie 2025 erneut aufgriff.

Jede dieser Theorien lieferte Puzzleteile, doch keine einzige führte je zu einer rechtskräftigen Verurteilung.

X. Die Akte wird geschlossen

Am 28. Juni 2024 verkündete Bundesstaatsanwältin Ann Fransen: Die Ermittlungen seien ausgeschöpft. Über 1.800 geprüfte Hinweise, fast 600 DNA-Proben, mehr als 2.700 abgeglichene Fingerabdrücke, über 40 exhumierte Leichen, mehr als drei Millionen Aktenseiten. Keine Identifizierung.

„Das ist ein absolutes Debakel für die belgische Justiz“, sagte Nathalie Palsterman, deren Vater 1985 in Aalst erschossen wurde. „Sie bitten uns jetzt, das abzuschließen, ohne dass ich weiß, wer meinen Vater ermordet hat.“

Nach belgischer Rechtslage kann die Strafverfolgung dieser schweren Taten nicht mehr an Verjährung scheitern. Doch für die Angehörigen bedeutete die Schließung der Akte nicht, dass der Fall beendet ist. Es bedeutete: Der Staat hat kapituliert.

XI. Die Akte bewegt sich weiter

Im Januar 2025 ordnete ein Gericht in Mons zusätzliche Zeugenvernehmungen an, zu einem 1985 in Aalst notierten Kennzeichen. Im April 2025 wurde die Sliman-Spur öffentlich, nachdem Jean-Pierre Adams jahrzehntelange private Recherche mediale Aufmerksamkeit fand.

Ende Mai 2026 wurden in Charleville-Mézières, knapp hinter der belgischen Grenze, die sterblichen Überreste von Xavier Sliman und seinen Eltern exhumiert. Die Proben sollen mit DNA-Spuren aus der Akte verglichen werden, unter anderem von einer Zigarettenkippe vom Angelou-Mord 1983. Ein Ergebnis lag zum Zeitpunkt dieser Akte noch nicht vor.

Epilog

Nur wenige Kriminalfälle haben Belgien so tief geprägt wie die Taten der Bende van Nijvel. Im deutschsprachigen Raum ist der Fall bekannt, aber selten als große, ruhige Akte erzählt, die Gewaltserie, Ermittlungsversagen und politische Hypothesen sauber trennt.

28 Menschen starben. Kinder darunter. Die Beute war fast immer klein. Die Ermittlung dauerte länger als vierzig Jahre und lieferte keinen Namen.

Die Killer von Brabant entkamen nicht im Nebel des Vergessens – sie entkamen einer Nation, die vier Jahrzehnte lang verzweifelt, aber vergebens nach ihnen jagte.

Archiv-Notiz

Akte #024 behandelt die als „Brabant-Killer“ (Bende van Nijvel, Tueurs du Brabant) bekannte Serie von Raubüberfällen und Morden in Belgien zwischen 1982 und 1985. 28 Menschen starben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Der letzte und blutigste Überfall auf einen Delhaize-Supermarkt in Aalst am 9. November 1985 forderte acht Todesopfer. Die belgische Bundesstaatsanwaltschaft erklärte die Ermittlungen am 28. Juni 2024 offiziell für ausgeschöpft. Seit 2025 wird eine neue Spur zu den verstorbenen französischen Kriminellen Xavier und Thierry Sliman verfolgt; im Mai 2026 wurden hierzu Exhumierungen in Frankreich vorgenommen, deren Ergebnis zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch aussteht. Niemand wurde für die Taten rechtskräftig verurteilt.

Quellen & weiterführende Dokumente

Chronologische Aufarbeitung

  • Wikipedia (nl/fr/de/en): „Bende van Nijvel“ / „Tueries du Brabant“ / „Killerbande von Brabant“ / „Brabant killers“ — als Aggregatoren
  • bendevannijvel.com: Rechercheportal mit Primärquellenauszügen und Zeitzeugeninterviews

Offizielle Verlautbarungen

  • Federaal Parket Belgien: Pressekonferenz vom 28. Juni 2024
  • Parlamentarischer Untersuchungsbericht zur Bende-Ermittlung

Aktuelle Berichterstattung 2024–2026

  • VRT NWS, RTBF, BRUZZ, NOS: Schließung der Ermittlungen, Juni 2024
  • ICI (France Bleu/France Info): Sliman-Spur und Exhumierungen, 2026
  • Reporters Online, VRT NWS: Exhumierungen Charleville-Mézières, Mai 2026
  • The Guardian, BBC News: internationale Einordnung

Fachliche Aufarbeitung

  • Jean-Pierre Adam: „Tueries du Brabant. La piste négligée“ (2021)
  • David Van de Steen / Annemie Bulté: „Niet schieten, dat is mijn papa!“ (2010)
  • Paul Ponsaers: „Loden jaren. De Bende van Nijvel gekaderd“ (2018)

Bende van Nijvel / Tueurs du Brabant — 28 Tote bei Überfällen in Belgien 1982–1985 — blutigster Überfall Delhaize Aalst am 9. November 1985 (acht Tote) — Ermittlungen am 28. Juni 2024 für ausgeschöpft erklärt — Sliman-Spur seit 2025, Exhumierungen 2026 — niemand rechtskräftig verurteilt, Täter bis heute unbekannt

Ende der Akte — kein Fall ist je wirklich geschlossen

Diskussion

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