Hinweis zur Quellenlage: Diese Akte stützt sich auf zeitgenössische Kirchenbücher und Verwaltungsquellen der Region Gévaudan — darunter der Sterbebucheintrag zu Jeanne Boulet vom 1. Juli 1764 — sowie auf Presseberichte, Flugblätter und Druckgrafiken des 18. Jahrhunderts. Als historisches Standardwerk liegt dieser Akte vor allem Jay M. Smiths akademische Studie „Monsters of the Gévaudan: The Making of a Beast“ (Harvard University Press, 2011) zugrunde; ergänzend wurden Forschungsarbeiten von Jean-Marc Moriceau zu historischen Wolfsangriffen in Frankreich sowie regionale französische Aufarbeitungen, Museums- und Archivhinweise herangezogen. Opferzahlen schwanken je nach Quelle zwischen rund sechzig und über hundert Toten; im Text wird diese Unsicherheit ausdrücklich benannt. Zeitgenössische Beschreibungen der Bestie, spätere Legenden und moderne Theorien werden konsequent als solche behandelt und getrennt.
Prolog: Sommer 1764
Margeride, Frankreich, Ende Juni 1764.
Ein Hochplateau im Zentralmassiv, grau und grün und weit. Wälder am Rand, Weiden in der Mitte, Dörfer verstreut wie vergessene Steine. Der Sommer war noch jung. Die Hirten trieben ihr Vieh.
Jeanne Boulet war vierzehn Jahre alt. Sie arbeitete, wie Mädchen in dieser Gegend arbeiteten — draußen, auf den Feldern und Wegen, weil es keine andere Wahl gab. Der 30. Juni 1764 war ihr letzter Tag.
Man fand sie in der Gemeinde Saint-Étienne-de-Lugdarès, im Weiler Hubacs. Der Kirchenbuchführer hielt fest, was geschehen war: Sie sei begraben worden „sans sacremens“ — ohne Sakramente — nachdem sie von der „bête féroce“ getötet worden war. In der Sprache dieser Akte heißt das: Das Tier war schneller gewesen als der Priester.
Das ist der härteste Satz der Geschichte von Gévaudan. Nicht die Beschreibung des Tiers. Nicht die Legenden, die folgen sollten. Sondern der Umstand, dass ein Mädchen starb, bevor jemand die Zeit hatte, für sie zu beten.
Noch hatte niemand einen Namen für das, was dort tötete.
Sinngemäß nach dem Kirchenbucheintrag der Gemeinde Saint-Étienne-de-Lugdarès, 1. Juli 1764
Der Eintrag im Sterberegister hält fest, dass Jeanne Boulet, vierzehn Jahre alt, am 30. Juni 1764 von der „bête féroce“ getötet und am folgenden Tag ohne Sakramente bestattet wurde — ein Hinweis darauf, dass der Tod so plötzlich eintrat, dass keine letzte kirchliche Begleitung mehr möglich war. Es ist der früheste namentlich gesicherte Todesfall der Angriffsserie von Gévaudan.
I. Eine Landschaft ohne Schutz
Gévaudan war arm.
Das muss man verstehen, bevor man irgendetwas anderes versteht.
Die Provinz im südlichen Zentralmassiv — heute vor allem das Département Lozère — war eine der ärmsten und abgelegensten Regionen des vorrevolutionären Frankreich. Das Plateau der Margeride liegt rau und exponiert, die Winter lang, die Böden dünn, die Dörfer klein. Keine Nähe zu den Zentren der Macht. Keine Stadt, die schnell gehört wurde. Eine Landschaft, in der Armut und Entfernung selbst zum Risiko wurden.
Was es gab: Schafe, Rinder, Ziegen, Wälder, Wege. Und Menschen, die täglich draußen sein mussten, um diese Dinge zu hüten.
Kinder hüteten das Vieh, weil Erwachsene andere Arbeit hatten. Mädchen gingen allein zur Weide. Frauen sammelten Holz in Waldrandnähe. Junge Burschen trieben Herden über weite Hochflächen. Es gab keine Umzäunung, keine permanente Bewachung, keine sofort erreichbare Hilfe. Wer angegriffen wurde, war meistens allein — oder fast allein.
Das war kein besonderer Zustand. Das war Alltag.
Genau das machte diese Region zum Tatort.
II. Die ersten Toten
Die Angriffe begannen im Sommer 1764 — oder vielleicht früher, aber erst jetzt wurden sie registriert und benannt.
Nach Jeanne Boulet folgten weitere Fälle. In den Wäldern des Mercoire, südlich von Langogne. In der Umgebung von Masméjean. In Cheylard-l’Évêque. Die Opfer passten in ein Muster: jung, allein oder fast allein, draußen auf Feldern oder Weiden. Mädchen. Jungen. Frauen.
Die Todesursache in den meisten dokumentierten Fällen: Angriffe auf Hals und Kopf. Tiefe Wunden. Teilweise schwere Verstümmelung.
Wie viele Menschen in diesen drei Jahren starben, ist bis heute nicht mit Sicherheit gesagt. Je nach Quelle werden rund hundert Tote genannt; manche Zählungen liegen darunter, andere — die auch Verletzte und unklare Fälle einbeziehen — höher. Was sicher ist: Es gab Tote. Viele. Über mehrere Jahre. In einer Region, in der niemand rasch Schutz erwarten konnte.
Die Beschreibungen widersprachen sich. Die Toten nicht.
Was Menschen in diesen Wochen und Monaten zu berichten versuchten, war etwas Größeres als ein gewöhnlicher Wolf, etwas mit rötlichem oder dunkelbraunem Fell, breiter Brust, ungewöhnlich langem Schwanz, einem Kopf, der nicht ganz passte. Manche verglichen es mit einem Kalb, manche mit einem hyänenähnlichen Tier. Manche sprachen von einem Wolf, der kein Wolf war.
Man muss diese Berichte ernst nehmen — als Zeugenaussagen von Menschen unter Schock, in Dunkelheit oder Waldschatten, mit dem Adrenalin des Überlebens oder des Verlustes. Sie sind Dokumente der Angst. Und Angst ist kein verlässlicher Zeuge.
Aber die Verletzungen waren real. Die Gräber waren real.
III. Zeugen einer unmöglichen Gestalt
Kaum ein Tier des 18. Jahrhunderts wurde in Westeuropa so oft beschrieben — und so widersprüchlich.
Einige Berichte sprachen von einem sehr großen Wolf. Andere beschrieben ein Wesen, das einem Wolf ähnelte, aber keines sein konnte. Ein zu langer Körper. Ein zu breiter Kopf. Schuppige oder dicht gestreifte Stellen. Ein Schwanz, der merkwürdig geformt war. Farben, die je nach Licht und Zeugen wechselten.
Was diese Beschreibungen gemeinsam haben: Sie entstanden im Kontext von Angst, Trauma und mündlicher Weitergabe in einer Gesellschaft, die weder fotografische Dokumentation noch einheitliche zoologische Referenz besaß. Ein Hirte im 18. Jahrhundert konnte keinen Steckbrief ausfüllen. Er konnte erzählen, was er gesehen hatte — und dann erzählten es andere weiter, und jede Weitergabe formte das Bild ein wenig um.
Hinzu kommt: Der Courrier d’Avignon, eine wichtige Regionalzeitung des Südens, begann früh, über die Angriffe zu berichten. Flugblätter folgten. Holzschnitte wurden gedruckt. Auf diesen Illustrationen war das Tier kein Wolf mehr, sondern ein Monster mit riesigen Fängen, dem Körper eines Leoparden. Einige dieser Darstellungen kursierten schon, bevor irgendjemand das Tier sicher gesehen hatte.
Die Bestie war also auch ein Medienereignis, bevor es das Wort dafür gab.
Was das nicht bedeutet: dass die Angriffe erfunden waren. Was es bedeutet: dass das Bild des Tiers im Kopf der Menschen schneller wuchs als das Tier selbst.
IV. Das Dorf, die Kirche, der König
Angst hat keine einheitliche Form. In Gévaudan 1764 nahm sie viele an.
Die Bauern in den Dörfern berieten: Sollten Kinder nicht mehr allein auf die Weide? Aber wer sollte das Vieh hüten, wenn die Kinder drin blieben? Sollte man die Wege meiden? Aber man musste die Wege benutzen. Es gab keine Alternative. Nur das tägliche Risiko.
Die Kirche bot eine Sprache für das Unbegreifliche: Deutung. Manche Geistliche sahen in den Angriffen eine göttliche Strafe, ein Zeichen, ein Mahnmal. Die Bevölkerung nahm diese Deutungen auf — nicht aus Dummheit, sondern weil Deutung Kontrolle bedeutet. Wenn die Bestie eine Botschaft war, dann war sie erklärbar. Wenn sie nur ein Raubtier war, blieb keine Botschaft. Kein Sinn. Kein Handel mit Gott. Nur Gefahr.
Lokale Behörden organisierten erste Jagden. Étienne Lafont, Vertreter der Regionalregierung, und Capitaine Jean Baptiste Duhamel mit seinen Dragonern, stationiert ab September 1764 in Saint-Chély-d’Apcher, unternahmen die ersten koordinierten Versuche. Giftköder wurden ausgelegt. Wölfe wurden erschossen — aber nicht das Tier, das die Menschen meinten.
Irgendwann landete der Fall in Versailles. Und damit änderte sich alles.
Solange Bauernkinder starben, blieb der Schrecken regional. Als die Berichte in ganz Frankreich kursierten und Europas Zeitungen spotteten, wurde er zur Frage des Prestiges.
König Ludwig XV. schickte Jäger. Die Dörfer begruben weiter.
V. Die Jagd beginnt
Im Februar 1765 erreichten die berühmten normannischen Wolfsjäger d’Enneval, Vater und Sohn, die Region. Der Ältere rühmte sich, über 1.200 Wölfe getötet zu haben. Seine besten Jagdhunde kamen ihm per Kutsche nach. Es war eine Schau.
Am 7. Februar 1765 fand die größte Treibjagd der Fallgeschichte statt. Nach zeitgenössischen Berichten und historischen Darstellungen nahmen Tausende Menschen teil — manche Quellen nennen über 20.000 Jäger, Soldaten und Treiber. Die Bestie wurde aufgestöbert. Und entkam. Sie überquerte den Fluss Truyère und war verschwunden.
Die Jagd scheiterte. Wieder. Und das war nicht das einzige Mal.
Je mehr Männer jagten, desto größer wurde das Tier. Das ist keine Metapher. Es ist das, was in den Köpfen der Menschen geschah. Jede gescheiterte Jagd, jede neue Nachricht von einem Angriff, jeder getötete Wolf, der nicht die Bestie war — all das ließ das Bild wachsen.
Die d’Ennevals jagten monatelang. Ohne entscheidenden Erfolg. Im Juni 1765 wurden sie durch François Antoine ersetzt — den persönlichen Waffenträger und Zweiten Jäger des Königs. Eine Eskalation. Ein Signal, dass Versailles die Geduld verlor.
VI. Die Jungfrau von Gévaudan
Während Antoine mit vierzehn Schützen und fünf Jagdhunden die Wälder absuchte, geschah etwas, das in keiner offiziellen Jagdstrategie vorgesehen war.
Am 11. August 1765 wurde Marie-Jeanne Vallet mit ihrer Schwester an einem Flussübergang bei Paulhac angegriffen. Sie war etwa zwanzig Jahre alt. Was sie tat, war keine Heldentat im romantischen Sinn — es war das, was eine Frau tat, die ein Werkzeug in der Hand hatte und sich nicht ergab.
Sie stieß einen Speer in die Brust des Tiers. Das Tier floh.
Marie-Jeanne Vallet überlebte. Die Presse der Zeit machte sie zur „Jungfrau von Gévaudan“ — zur Amazone. Ludwig XV. ehrte sie. Heute steht eine Statue im Dorf Auvers.
Was weniger bekannt ist: Als Antoine später die Überlebenden befragte, um den von ihm geschossenen Wolf als Bestie identifizieren zu lassen, zeigte Marie-Jeanne Vallet als einzige Widerstand. Sie solle die Verletzung am Wolf als von ihr verursacht bestätigen. Sie antwortete, sie könne sich nicht erinnern, wo sie den Angreifer getroffen habe.
Es war das Äußerste an Zweifel, das die königlichen Protokollführer in einem solchen Ambiente — einem Adelsschloss, umgeben von livrierten Beamten aus Versailles — überhaupt niederzuschreiben bereit waren. Viele Zeugen waren nicht schreibkundig, einzeln vorgeladen, unter dem Blick des Abgesandten des Königs.
Was Marie-Jeanne sagte, war weniger als eine Bestätigung. Was das über die Verlässlichkeit dieser Zeugenaussagen sagt, ist eine der Fragen, die der Fall hinterlässt.
Sinngemäß nach dem Verhörprotokoll der Überlebenden, durchgeführt durch François Antoine, 1765
Bei der nachträglichen Befragung der Angriffsopfer, mit der Antoine den von ihm erschossenen Wolf als „die Bestie“ bestätigen lassen wollte, verweigerte Marie-Jeanne Vallet als einzige Zeugin eine eindeutige Aussage. Sie gab an, sich nicht erinnern zu können, wo genau sie das Tier mit ihrem Speer getroffen habe. Das Protokoll ist eines der wenigen erhaltenen Dokumente, das einen direkten Zweifel innerhalb des königlichen Verfahrens festhält.
VII. Versailles braucht ein Ende
Am 20. September 1765 erlegte François Antoine im Wald nahe Saint-Julien-des-Chazes einen auffallend großen Wolf. Das Tier war rund 77 Zentimeter hoch, fast zwei Meter lang und wog etwa 60 Kilogramm. Antoine erklärte: Er habe noch nie einen Wolf gesehen, mit dem man dieses Exemplar vergleichen könnte.
Der Wolf wurde präpariert. Auf einem Pferd nach Versailles gebracht. Am 1. Oktober dem König präsentiert. Eine Belohnung wurde ausgezahlt — wenn auch mit einigen Wochen Verzögerung, weil Zweifel bestanden, ob dieser Wolf wirklich die Bestie war.
Angriffszeugen wurden befragt. Die meisten bestätigten das Tier. Es wurde der „Wolf von Chazes“ genannt.
Der Staat hatte die Bestie getötet. Die Bestie wusste nur nichts davon.
Zwei Monate nach Antoines Triumph, am 2. Dezember 1765, wurden zwei Kinder angefallen. Die Angriffe hatten wieder begonnen. Sie ähnelten den früheren bis ins Detail. Neue Jagdtrupps bildeten sich — diesmal hauptsächlich aus Bauern der Region, ohne königlichen Apparat.
Der Staat hatte sich seinen Abschluss geholt. Die Dörfer bekamen ihren Abschluss nicht.
VIII. Die Bestie in der Zeitung
Man sollte den Fall nicht verstehen, ohne zu verstehen, wie er erzählt wurde.
François Morénas, Gründer und Herausgeber des Courrier d’Avignon, erkannte früh, was die Geschichte der Bestie war: nicht nur ein Ereignis in einer abgelegenen Provinz, sondern eine Nachricht aus dem Alltag, die mehr bedeutete als ihr Inhalt. Die Angriffe im Gévaudan wurden zu einem der frühen Medienereignisse Europas. Zeitungen in Paris berichteten, später auch Blätter in anderen europäischen Städten.
Die Holzschnitte und Kupferstiche, die kursierten, zeigten kein zoologisch erkennbares Tier mehr. Sie zeigten ein Monster — größer als ein Wolf, gefährlicher als ein Bär, fremdartiger als alles Bekannte. Diese Bilder waren nicht Berichte über die Wirklichkeit. Sie waren Angebote für die Vorstellungskraft.
Das macht die Toten nicht kleiner. Aber es macht die Bestie zu einem anderen Wesen als dem, das durch die Wälder lief.
Die Bestie, die durch Gévaudan jagte — rotes Fell, breite Brust, unklare Gestalt — und die Bestie, die durch die Zeitungen Europas geisterte: Das waren zwei verschiedene Wesen. Das erste tötete Menschen. Das zweite machte es immer schwerer, die Ereignisse nüchtern zu sehen.
IX. Jean Chastel und der letzte Schuss
Am 19. Juni 1767 organisierte der Marquis d’Apcher eine neue große Jagd in den Wäldern von Ténazeyre, an einem Ort namens La Sogne d’Auvers, nahe dem Mont Mouchet.
Jean Chastel war dabei. Ein Bauer aus dem Weiler Besseyre-Saint-Mary. Ein Mann, der die Gegend kannte. Der den Ruf hatte, schwierig zu sein: Seine Söhne hatten bei einer früheren Jagd unter Antoine Jäger in einen Sumpf geführt, wo diese fast ums Leben kamen, während die Chastel-Brüder zusahen. Jean Chastel selbst war dafür zeitweise inhaftiert worden.
Jetzt, in den Wäldern von Ténazeyre, schoss Jean Chastel ein Tier. Ein großes Tier. Ein Tier, das einem Wolf ähnelte.
Die Angriffe hörten auf. Mit diesem Tag. Nach drei Jahren. Nach allem.
Was Jean Chastel tötete, wurde durch einen Notar aus Langeac dokumentiert: 150 Zentimeter Länge, 77 Zentimeter Schulterhöhe, 19 Zentimeter Maulspannweite. Manche Quellen behaupten, man habe im Magen des Tieres menschliche Überreste gefunden. Ob das die forensische Wahrheit ist oder nur der letzte, düstere Baustein einer Legende, lässt sich heute nicht mehr beweisen.
Sinngemäß nach dem Rapport Marin, notarielle Beurkundung, Langeac, 1767
Der Notar beschrieb das von Jean Chastel erlegte Tier mit präzisen Maßen: rund 150 Zentimeter Körperlänge, 77 Zentimeter Schulterhöhe, 19 Zentimeter Maulspannweite. Es ist die letzte detaillierte zeitgenössische Vermessung eines mit der Bestie in Verbindung gebrachten Tieres. Eine eindeutige zoologische Artbestimmung erlaubt das Dokument nicht.
Was nicht umstritten ist: Danach gab es keine weiteren tödlichen Angriffe der Art, die Gévaudan drei Jahre lang erschüttert hatten.
Über Jean Chastel bildeten sich Legenden. Er habe die Kugeln gesegnet, mit denen er schoss. Er habe das Tier trainiert. Er habe eine Verbindung zur Bestie gehabt, die kein normaler Jäger hatte. Keine dieser Legenden ist belegt. Chastel ist eine ambivalente Figur — lokaler Mann, Teil der Lösung, später Teil der Spekulation.
Der Mann, der die Bestie tötete, wurde selbst Teil der Legende.
X. Was war die Bestie?
Diese Frage ist nicht abschließend beantwortet. Sie wird es wahrscheinlich nicht mehr werden. Aber sie ist nicht gleichwertig offen: Manche Erklärungen sind plausibler als andere.
Wolf — oder mehrere Wölfe: Viele Historiker ordnen die Angriffe eher in den Kontext realer Wolfsangriffe und ihrer historischen Wahrnehmung ein. Historiker wie Jay M. Smith und Jean-Marc Moriceau haben diesen Rahmen ausführlich untersucht. Ein oder mehrere Wölfe, möglicherweise durch Nahrungsmangel, Krankheit oder Gewöhnung an menschliche Nähe auffällig geworden, gelten als plausibelste Erklärung. Dass mehrere Angriffe nachträglich einer einzigen Bestie zugeschrieben wurden, erklärt manche Widersprüche in den Beschreibungen.
Wolf-Hund-Hybrid oder ungewöhnlich großes Tier: Manche ungewöhnlichen Beschreibungen — breiter Körperbau, merkwürdige Fellfarbe, auffallende Größe — passen möglicherweise zu einem Wolf-Hund-Hybriden oder einem besonders großen Exemplar. Diese Deutung bleibt Spekulation, ist aber nicht unplausibel.
Exotisches Tier: Eine populäre These sieht in der Bestie ein aus einer Menagerie entlaufenes exotisches Tier — Hyäne, Leopard, andere Großkatze. Die Beschreibungen mancher Zeugen lassen sich so lesen. Für ein entlaufenes Menagerie-Tier, das zeitlich und regional zu den Angriffen passt, gibt es keinen belastbaren zeitgenössischen Nachweis.
Menschliche Beteiligung oder trainiertes Tier: Diese Theorie zieht sich durch populäre Darstellungen bis heute. Jean Chastel als Verdächtiger, seine Familie als Hintergrund, ein trainiertes Raubtier als Werkzeug. Sie ist verlockend, weil sie das Rätsel zu lösen scheint. Sie ist nicht belegt. Die Indizien sind mehrdeutig und erlauben keine gesicherte Schuldzuweisung.
Medien- und Angstkonstruktion: Das ist nicht die Erklärung, die besagt, nichts sei wirklich passiert. Es ist die Erklärung, die besagt: Was passiert ist, war real — und das Bild, das davon entstand, war es nicht. Reale Angriffe, schlechte Kommunikation, Gerüchte, Druckgrafiken, politische Interessen, regionale Unsicherheit und kollektive Deutungsbedürfnisse erzeugten gemeinsam eine Gestalt, die kein einzelnes Tier jemals sein konnte.
Vielleicht war die Bestie kein einzelnes Wesen. Vielleicht war sie ein Ereignis.
Epilog: Der Schatten der Margeride
Die Margeride liegt heute still. Wälder, Weiden, kleine Straßen, Dörfer mit Gedenksteinen. Die „Bête du Gévaudan“ ist Teil der regionalen Erinnerungskultur geworden — Skulpturen, Schilder, ein Gedenkweg, ein Museum. Jedes Jahr kommen Besucher, um dem Schatten nachzuspüren.
Die Bestie hat überlebt. Als Legende, als Ikone, als Frage.
Was dahinter oft verschwindet: die Namen. Jeanne Boulet, vierzehn, begraben ohne Sakramente. Die Kinder auf den Weiden. Die Frauen auf den Wegen. Jacques Portefaix, zwölf, der mit einer Gruppe von Kindern das Tier in die Flucht schlug und dafür auf Kosten des Königs Schulbildung erhielt — weil sein Mut in Versailles sichtbar wurde. Viele Tote blieben es nicht.
Sie starben nicht nur, weil etwas durch die Margeride jagte. Sie starben auch, weil sie arm waren, weil sie draußen sein mussten, weil Hilfe oft zu spät kam.
Das Grauen von Gévaudan war nie nur die Frage, was dort tötete. Sondern wie schnell die Toten hinter dem Monster verschwanden.
Kein Fall ist je wirklich geschlossen.
Archiv-Notiz
Akte #021 behandelt die Angriffsserie in der französischen Provinz Gévaudan zwischen 1764 und 1767, bekannt als „Bête du Gévaudan“. Das erste offiziell registrierte Todesopfer war Jeanne Boulet, 14 Jahre alt, getötet am 30. Juni 1764 nahe Saint-Étienne-de-Lugdarès. Die Angriffsserie endete nach dem Abschuss eines großen Tieres durch Jean Chastel am 19. Juni 1767. Die Zahl der Opfer wird je nach Quelle mit rund hundert Toten angegeben; die genauen Zahlen bleiben unsicher. Niemand wurde als verantwortlicher Täter verurteilt. Die Identität des oder der Tiere ist bis heute nicht abschließend bestimmt. Die Akte unterscheidet konsequent zwischen historisch belegten Ereignissen, zeitgenössischen Berichten, späteren Legenden und modernen Theorien.
Quellen & weiterführende Dokumente
Primärquellen, Kirchenbücher und Verwaltungsberichte
- Kirchenbuch der Gemeinde Saint-Étienne-de-Lugdarès, Eintrag vom 1. Juli 1764 zum Tod von Jeanne Boulet
- Zeitgenössische Verwaltungsberichte der Provinzbehörden Gévaudan und königliche Korrespondenz
- Rapport Marin, 1767 — notariell beurkundete Beschreibung des von Jean Chastel getöteten Tieres
Historische Standardwerke
- Jay M. Smith: Monsters of the Gévaudan: The Making of a Beast. Harvard University Press, 2011
- Jean-Marc Moriceau: Forschungsarbeiten zu historischen Wolfsangriffen in Frankreich
Zeitgenössische Presse und Druckgrafiken
- Courrier d'Avignon (François Morénas): Berichte 1764–1767
- Weitere zeitgenössische Druckgrafiken und Flugblätter aus französischen und europäischen Archiven
Mediale und populäre Aufarbeitungen
- Smithsonian Magazine: When the Beast of Gévaudan Terrorized France (2017)
- National Geographic History: Did a 'Werewolf' Really Terrorize France in the 1700s? (2021)
Lokale Erinnerungskultur
- Musée Fantastique de la Bête du Gévaudan, Saugues
- Statue der Marie-Jeanne Vallet, Auvers
Angriffsserie 1764–1767, Gévaudan, Frankreich — erstes registriertes Todesopfer 30. Juni 1764 — Wolf von Chazes getötet September 1765 — Angriffe setzen sich fort — letztes bekanntes Tier von Jean Chastel getötet 19. Juni 1767 — Art des Tiers bis heute nicht abschließend bestimmt
Ende der Akte — kein Fall ist je wirklich geschlossen

