Prolog
Busan, Nacht zum 28. Mai 2016.
Am späten Abend kehrt Choi Sung-hee mit Einkäufen zurück. Eine Kamera zeichnet sie auf.
Einige Stunden später, in den frühen Morgenstunden, kommt auch ihr Mann Jeon Min-geun nach Hause. Auch ihn hält eine Kamera fest.
Keine ausgewertete Aufnahme zeigt, wie einer von beiden das Gebäude wieder verlässt.
Danach werden Choi Sung-hee und Jeon Min-geun nie wieder zweifelsfrei gesehen.
I. Ein neues Leben in Suyeong-gu
Choi Sung-hee war Bühnenschauspielerin, dreiunddreißig Jahre alt, fest engagiert bei einer kleinen Theatergruppe in Busan. Sie unterrichtete daneben Kinder in Schauspiel. Kollegen beschrieben sie als warmherzig, unkompliziert im Ton, verlässlich bei der Arbeit.
Jeon Min-geun, vierunddreißig, betrieb gemeinsam mit einem Geschäftspartner ein Restaurant. Die beiden hatten sich als Jugendliche gekannt, sich Jahre später wiedergefunden. Im November 2015 heirateten sie. Rund ein halbes Jahr später verschwanden beide.
Sie lebten in einem Hochhausapartment in Suyeong-gu, unweit des Gwangalli-Strandes, im fünfzehnten Stock. In der Wohnung lebte außerdem ein Hund, an dem Choi nach Angaben von Freunden sehr hing; das Tier hatte sich kurz zuvor einer Operation unterzogen und war noch in der Nachsorge.
Nach außen: ein junges Ehepaar, ein Alltag aus Restaurant, Probenraum und gemeinsamer Wohnung.
II. Ein Weg, den niemand sah
Als Jeons Vater seinen Sohn am Morgen nicht erreichte, machte er sich zunächst nur leise Sorgen. Als auch Jeons Geschäftspartner meldete, sein Kompagnon sei nicht zur Arbeit erschienen, wuchs die Sorge. Wenige Tage später meldete Jeons Vater das Paar als vermisst.
Die Polizei wertete sämtliche Überwachungskameras im und um den Wohnkomplex aus – mehr als zwanzig, die genaue Zahl wird in den Berichten unterschiedlich angegeben. Keine ausgewertete Aufnahme zeigte Choi oder Jeon beim Verlassen des Komplexes. Beamte durchsuchten Parkhaus, Dach und Wassertank des Gebäudes sowie nahegelegene Bus- und Bahnstationen. Ohne Ergebnis.
Ein SBS-Rechercheteam identifizierte Jahre später gemeinsam mit einem Videoanalyse-Experten einen möglichen Weg über ein Nottreppenhaus und einen Bereich, den die Kameras nicht vollständig erfassten – ungewöhnlich, aber technisch machbar, mit der richtigen Ortskenntnis.
III. Was in der Wohnung blieb
Als die Polizei die Wohnung betrat, fand sie keinerlei Hinweise auf einen Kampf. Was sie fand, war die stille Banalität eines abrupt abgerissenen Alltags.
Die Einkäufe vom Vorabend lagen unausgepackt auf dem Küchentisch. Wäsche lag ungewaschen da. Der Hund war allein, unversorgt, seine Genesung von der Operation unbetreut. Das Auto stand unangetastet in der Tiefgarage.
Laut dem später verteilten Polizeiflyer fehlten eine Tasche, eine Geldbörse, ein Laptop und die Reisepässe des Paares. Nach dem Verschwinden fanden sich keine bestätigten Kontobewegungen, Kartennutzungen oder Grenzübertritte. Blut, Kampfspuren oder Hinweise auf einen Einbruch fanden die Ermittler nicht.
IV. Nachrichten nach dem letzten Bild
Am 29. Mai rief eine Kollegin bei Choi an. Ans Telefon ging Jeon. Choi könne vorerst nicht zur Arbeit kommen, sagte er. Seine Stimme, klar erkannt.
Am 31. Mai erklärte Jeon einer Mitarbeiterin des Theaters am Telefon, Choi sei medikamentös behandelt und im Krankenhaus. Wieder seine Stimme. Funkzellendaten platzierten den Anruf in der Nähe der gemeinsamen Wohnung. Kein Krankenhaus der Region hatte einen Aufnahmevermerk für Choi Sung-hee.
Jeons Stimme wurde nach dem letzten CCTV-Bild noch zweimal erkannt. Von Choi gibt es nichts Vergleichbares.
Was von ihrem Telefon kam, waren nur Nachrichten. Am 30. Mai erreichte Chois Theatergruppe eine Textnachricht, angeblich von ihr: Sie werde vorerst für niemanden erreichbar sein. Der Leiter der Gruppe erinnerte sich später an einen Ton, der ihm fremd vorkam – steif, förmlich, unpersönlich. Von wem die Nachricht stammte, weiß niemand. Nur, dass sie von Chois Telefon ausging.
Am 29. Mai teilte auch Jeon seinem Geschäftspartner mit, er müsse sich um etwas kümmern, das ein bis zwei Monate dauern könne, vielleicht auch länger. Am 2. Juni schrieb er seinem Vater eine letzte kurze Nachricht: Ihm gehe es gut. Danach: nichts mehr.
V. Vierhundert Kilometer
Am Morgen des 2. Juni meldet sich Jeons Telefon ein letztes Mal – an einer Bushaltestelle im Landkreis Gijang, gut sechzehn Kilometer östlich der gemeinsamen Wohnung, gegen 9 Uhr.
Dreizehn Stunden später erscheint Chois Telefon in einer Funkzelle im Seouler Stadtteil Gangdong-gu. In der Nähe der Wohnung von Jeons leiblicher Mutter, geschieden von seinem Vater.
Fast vierhundert Kilometer trennen die beiden letzten bekannten Standorte. Wer die Geräte zu diesem Zeitpunkt bei sich trug, ist unbekannt. Eine Funkzellenortung markiert ein Gebiet, keinen Menschen.
Ältere Berichte aus dem Jahr 2019 nennen für vergleichbare letzte Signale teils andere Daten und Uhrzeiten; die öffentlich zugänglichen Quellen lassen diese Abweichung nicht vollständig auflösen.
VI. Zwei Familien
Chois Mutter versuchte am 5. Juni, die Handyortung ihrer Tochter zu beantragen – und erfuhr dabei, dass Jeons Vater bereits eine Vermisstenanzeige gestellt hatte, ohne sie zu informieren. Als sie Jeons Vater und Stiefmutter zur Rede stellte, bekam sie eine knappe Antwort: Die beiden würden zurückkommen, man solle abwarten.
Chois Familie drängte auf Antworten. Jeons Familie hoffte zunächst auf ihre Rückkehr.
Die Identität seines Sohnes gab Jeons Vater erst 2019 zur Veröffentlichung frei – nach eigener späterer Aussage, weil er zunächst an dessen Rückkehr geglaubt und diese durch eine öffentliche Fahndung nicht gefährden wollte. Erst nach drei Jahren stimmte die Familie einer Fahndung mit vollständigen Namen zu.
VII. Die frühere Partnerin
Nach Angaben mehrerer Bekannter waren Jeon und eine Frau, die er aus der Schulzeit kannte, damals ein Paar gewesen und hatten zeitweise eine Heirat erwogen, die am Widerstand beider Familien scheiterte. Sie selbst bestritt das später und erklärte, zwischen ihnen habe keine Liebesbeziehung bestanden.
Sie heiratete 2004 einen anderen Mann. Bekannte berichteten, der Kontakt zu Jeon habe dennoch fortbestanden, auch nach ihrer erneuten Heirat und ihrem Umzug nach Norwegen 2014. Nach Angaben von Bekannten soll sie vor der Hochzeit von Choi und Jeon im November 2015 beiden gegenüber Drohungen ausgesprochen und die Verbindung abgelehnt haben. Choi wechselte ihre Telefonnummer. Jeon engagierte für die Hochzeit Personenschutz.
Diese Darstellung stammt überwiegend aus Zeugenaussagen und späterer Rundfunkrecherche. Die Frau bestreitet jede Beteiligung am Verschwinden des Paares.
VIII. Die Reise nach Südkorea
Nach Angaben der Ermittler war sie kurz vor dem 28. Mai 2016 nach Südkorea eingereist. Während ihres Aufenthalts soll sie ausschließlich bar bezahlt haben. Ihrer Mutter in Korea gegenüber hatte sie behauptet, in dieser Zeit in Afrika zu reisen. Sie verließ Südkorea kurz nach dem Verschwinden des Paares – zwei Wochen früher als geplant.
Auf die schriftliche Bitte der Polizei um eine genaue Darstellung ihrer Aufenthalte antwortete sie nach Ermittlerangaben vage und widersprüchlich. Einer Aufforderung zur freiwilligen Rückkehr kam sie nicht nach.
Im Frühjahr 2017 ließ Südkorea sie über Interpol international zur Fahndung ausschreiben. Im August wurde sie in Norwegen festgenommen; öffentlich bekannt wurde das erst am 8. November 2017.
IX. Eine Festnahme ohne Auslieferung
Am 22. August 2017 beantragte Südkorea formell ihre Auslieferung – nicht wegen Mordes, sondern wegen gemeinschaftlicher Nötigung und Freiheitsberaubung. Am 5. Dezember 2018 lehnte ein norwegisches Gericht ab. Koreanische Medien sprachen von unzureichender Tatsachengrundlage; das südkoreanische Justizministerium selbst veröffentlichte die genaue Begründung nicht und verwies auf diplomatische Vertraulichkeit. Als die Entscheidung die zuständigen südkoreanischen Stellen erreichte, war die dreitägige Rechtsmittelfrist bereits abgelaufen.
Damit war die juristische Spur nach Norwegen kalt. Über Schuld oder Unschuld in der Hauptsache wurde durch diese formale Blockade nie verhandelt.
X. Was gegeneinandersteht
Die Wohnung gleicht einem Widerspruch: Die fehlenden Reisepässe und persönlichen Gegenstände suggerieren eine geplante Abreise, doch der frisch operierte Hund, das stehen gelassene Auto und die Einkäufe auf dem Küchentisch erzählen von einem abrupten Bruch. Auch die digitale Spur fügt sich nicht zusammen: Jeon wurde nach dem letzten CCTV-Bild noch zweimal am Telefon erkannt, während von Choi nur eine Textnachricht blieb, deren Verfasser niemand kennt.
Die koreanischen Ermittlungen konzentrierten sich zuletzt am stärksten auf Jeons frühere Partnerin. Ein Verdacht ist kein Beweis. Eine gerichtsfeste Beteiligung wurde bislang nicht dargelegt.
Später erfuhren Chois Eltern, dass ihre Tochter zum Zeitpunkt ihres Verschwindens sieben oder acht Wochen schwanger gewesen sein soll.
Diese Akte löst den Fall nicht auf. Sie zeigt, wohin die belegbaren Spuren führen – und wo sie enden.
XI. Zehn Jahre, keine Antwort
Erst am 18. März 2019 – zwei Jahre und zehn Monate nach dem Verschwinden – ging die Busan Nambu-Polizei mit einem offiziellen Fahndungsaufruf an die Öffentlichkeit, mit Fotos und vollständigen Namen.
Am 21. Mai 2025 berichtete Busan MBC anlässlich des neunten Jahrestags erneut: Choi und Jeon gelten weiterhin als vermisst. Die Polizei führt die frühere Partnerin weiterhin als zentrale Verdächtige, ohne neue Beweise für eine erneute Auslieferung.
Nach dem öffentlich dokumentierten Stand dieser Akte – zuletzt geprüft am 12. August 2026 – fehlt weiterhin jede bestätigte Spur zu Choi Sung-hee und Jeon Min-geun.
Epilog
Die Kameras dieses Hochhauses sind unbestechlich. Sie belegen, dass Choi Sung-hee und Jeon Min-geun in jener Nacht nach Hause kamen.
Doch ein einziger toter Winkel genügte, um zwei Menschen aus dem Blickfeld verschwinden zu lassen.
Choi Sung-hee und Jeon Min-geun sind bis heute verschwunden.
Transparenz und Quellenlage
Diese Akte stützt sich vor allem auf einen ausführlichen Bericht der Korea JoongAng Daily vom 23. Dezember 2025 (aktualisiert 17. Februar 2026), auf die SBS-Sendung „Unanswered Questions“ mit begleitender Videoanalyse-Expertise (2019), auf Recherchen von Busan MBC (2019 und Mai 2025), sowie auf die öffentliche Fahndungsmitteilung der Busan Nambu-Polizei vom 18. März 2019. Der volle Name der früheren Partnerin Jeon Min-geuns wird bewusst nicht genannt. Sie wurde für das Verschwinden nicht verurteilt, eine Beteiligung ist nicht bewiesen, sie bestreitet jede Verantwortung. Für sie gilt die Unschuldsvermutung. Choi Sung-hee und Jeon Min-geun gelten als vermisst, nicht als tot; es gibt keinen rechtskräftig festgestellten Mord und keinen verurteilten Täter.
Archiv-Notiz
Akte #027 behandelt das bis heute ungeklärte Verschwinden des südkoreanischen Ehepaars Choi Sung-hee und Jeon Min-geun, die in der Nacht zum 28. Mai 2016 getrennt voneinander in ihr Apartment in Suyeong-gu, Busan, zurückkehrten. Überwachungskameras zeigten beide beim Betreten des Gebäudes; keine der ausgewerteten Aufnahmen zeigt sie beim Verlassen. In der Wohnung fanden sich keine Gewaltspuren, wohl aber fehlten laut Polizeiflyer eine Tasche, eine Geldbörse, ein Laptop und die Reisepässe des Paares. Chois Eltern erfuhren später, dass sie zum Zeitpunkt des Verschwindens schwanger gewesen sein soll. Die Ermittlungen konzentrierten sich zuletzt auf eine frühere Partnerin Jeon Min-geuns, die 2017 in Norwegen festgenommen wurde; ein koreanisches Auslieferungsersuchen wurde im Dezember 2018 abgelehnt. Sie bestreitet jede Beteiligung; für sie gilt die Unschuldsvermutung. Am 18. März 2019 ging die Polizei mit vollständigen Namen und Fotos an die Öffentlichkeit. Der Fall gilt nach dem Stand vom August 2026 weiterhin als ungeklärt.
Quellen & weiterführende Dokumente
Aktuelle und investigative Berichterstattung
- Korea JoongAng Daily: „Living off the grid or murdered? The unsolved disappearance of the Busan newlyweds“, 23. Dezember 2025, aktualisiert 17. Februar 2026
- SBS / „그것이 알고 싶다“ („Unanswered Questions“): CCTV-Rekonstruktion mit Videoanalyse-Experte, 2019
- Busan MBC: „'부산 신혼부부 실종사건' 9년‥ '생사 여부라도'“, 21. Mai 2025
- Busan MBC: „[취재뒷얘기] 부산 신혼부부 실종.. 왜 못찾나?“, April 2019
- Money Today, Electronic Times, Busan Ilbo, Hankook Ilbo, Hankyung: Berichte zur öffentlichen Fahndung vom 18. März 2019
Choi Sung-hee (33) und Jeon Min-geun (34) kehrten in der Nacht zum 28. Mai 2016 getrennt in ihr Apartment in Suyeong-gu, Busan zurück — Kameras zeigen beide beim Betreten, keine beim Verlassen — keine Gewaltspuren, aber fehlende Reisepässe; Hund, Auto und Einkäufe blieben zurück — Ermittlungen zuletzt auf eine frühere Partnerin gerichtet, Auslieferung 2018 abgelehnt — bis heute vermisst, kein Täter, kein Mord festgestellt
Ende der Akte — kein Fall ist je wirklich geschlossen

