Hinweis zur Quellenlage: Die Kernfakten — Mordserie, Festnahme, Geständnis, Hinrichtung — sind durch zeitgenössische irakische Presseberichte und spätere arabische Aufarbeitungen dokumentiert, wobei der Zugang zu Primärquellen aus dem Irak der frühen Baath-Jahre erheblich eingeschränkt ist. Wesentliche Daten werden in verschiedenen Quellen abweichend angegeben; diese Widersprüche werden im Text transparent benannt. Spätere irakische Darstellungen diskutieren Verbindungen zum Umfeld von Nadhim Kzar; diese Hinweise sind quellenkritisch vorsichtig zu behandeln. Die politische Deutungsebene wird als historisch wirkmächtige Deutung behandelt, nicht als bewiesene Tatsache.
Der Tigris kennt keine Geheimnisse. Er fließt durch die Stadt wie seit Jahrtausenden, gleichgültig, träge im Sommer, wenn das Wasser warm ist und die Luft darüber steht wie eine Wand. Bagdad in den frühen 1970er Jahren glaubte, den Fluss bezwungen zu haben: mit Beton, mit Brücken, mit dem Sicherheitsapparat einer Partei, die gerade dabei war, das Land nach ihrem Bild umzubauen. Der Staat war überall. Er wachte.
Was er nicht sah, kam nachts. Und es fand einen Weg ins Haus.
أبو طبر — Abu Tabar, im Englischen oft als Abu Tubar transkribiert — bedeutet wörtlich etwa „Vater des Beils". Der Name war ein laqab, ein arabischer Beiname, wie ihn die Folklore und die Straße für das Unsichtbare erfinden, das einen Namen braucht, um greifbar zu werden. Was Bagdad in den Jahren 1973 und 1974 überzog, war tatsächlich unsichtbar: ein Täter, der in bürgerliche Häuser eindrang, Familien tötete, nahm, was er tragen konnte, und verschwand — als hätte die Nacht ihn geschluckt.
Nicht die Morde allein. Der Beweis, dass der Staat sie nicht verhindern konnte.
I. Die Stadt vor der Angst
Bagdad im Jahr 1973 war eine Stadt im Aufbruch und im Griff zugleich. Seit dem Baath-Putsch von 1968 hatte das Regime die Macht konsolidiert. Die Öleinnahmen flossen, Infrastruktur wurde gebaut, die Mittelschicht wuchs. In Vierteln wie al-Mansour, Karrada und Karadah Mariam lebten Ärzte, Offiziere, Beamte, Händler — Menschen, die sich im Zwischenraum von Staat und Privatleben eingerichtet hatten. Diese Sphäre war der Schauplatz des Terrors.
Die Sommer in Bagdad sind unerbittlich. Die Temperaturen steigen auf vierzig Grad und fallen auch nachts kaum. In einer Zeit ohne allgegenwärtige Klimaanlage war es ein verbreiteter Brauch, auf den Flachdächern der Häuser zu schlafen — in der Hoffnung auf den nächtlichen Wind vom Tigris, auf ein bisschen Kühle unter dem offenen Himmel. Familien lagen dort, die Haustüren unten vielleicht nicht so sorgfältig verriegelt, weil doch der Staat aufpasste.
Abu Tabar verstand diesen Brauch. Und er nutzte ihn.
II. Die erste Welle des Terrors
Die Serie entfaltete sich im Verlauf des Jahres 1973; spätestens im Sommer jenes Jahres hatte die öffentliche Panik Bagdad erfasst. Zu den frühesten in späteren Rekonstruktionen genannten Opfern gehörte eine jüdische Familie im Viertel Bataween — einem alten Quartier nahe dem Stadtzentrum. Der Täter hatte das Haus für wohlhabend gehalten; nach späteren Rekonstruktionen war das Gegenteil der Fall. Was er mitnahm, war wenig. Was er hinterließ, war das Muster, das sich wiederholen würde.
In der Nacht auf den 4. August 1973 wurde der pensionierte Polizeibrigadegeneral Bashir Ahmed al-Salman zusammen mit seiner Familie angegriffen, während sie auf dem Dach des Hauses schliefen. Diese Tat veränderte den Charakter des Falls. Al-Salman war ein Mann des Sicherheitsapparats selbst. Dass er auf seinem eigenen Dach sterben konnte, war eine Botschaft, die durch Bagdad hallte.
Sinngemäß nach späteren irakischen Fallrekonstruktionen — Angriff auf General al-Salman, August 1973
Nach dem Angriff auf den General wurden die Häuser in der Umgebung durchsucht. Die Ermittler fanden keine verwertbaren Spuren. Der Täter hatte das Dach der Familie ausgekundschaftet, war durch ein offenes Fenster eingestiegen, hatte getötet und war verschwunden, bevor irgendjemand Alarm schlagen konnte.
Im September 1973 folgte die Tat, die den Fall endgültig zur nationalen Katastrophe machte. In Karadah Mariam — nahe dem Stadtbereich, der später zum Machtzentrum des Regimes werden sollte — drang der Täter in ein Haus ein und tötete die Familie. Forensische Untersuchungen stellten Blut sicher, das nicht zur Familie gehörte — ein Befund, der auf einen Komplizen verwies. Spätere Rekonstruktionen sprechen dafür, dass Abu Tabar zumindest bei einem Teil der Taten nicht allein handelte.
Eine letzte Tat dieser ersten Welle fiel aus dem Raubmordmuster heraus: ein Barbier, nach späteren Darstellungen getötet nach einem Streit über den Preis einer Dienstleistung. Aus seinem Geschäft wurden nicht nur Bargeld mitgenommen, sondern auch Teppiche und Möbel. Als handele es sich um den eigenen Besitz.
III. Die Panik in Bagdad
Was in Bagdad zwischen dem Herbst 1973 und der Festnahme des Täters geschah, lässt sich nicht auf kriminalistische Fakten reduzieren. Es war eine gesellschaftliche Transformation in Echtzeit: die Metamorphose einer Stadt, die glaubte, beschützt zu sein, in eine Stadt, die Schutz suchte.
Nachbarn organisierten Nachtwachen. Büsche und Bäume vor den Häusern wurden zurückgeschnitten, um keine Verstecke zu bieten. Außenlampen brannten die ganze Nacht. Türen, die früher offen geblieben wären, wurden mehrfach verriegelt. Der Abend-Spaziergang, der Besuch beim Nachbarn, die selbstverständliche Offenheit des Viertellebens — all das zog sich zurück.
Nach 2003 veröffentlichte irakische Rekonstruktionen sind voller solcher Details: ein Onkel, der nachts mit einem Stock durch das Haus patrouillierte; eine Mutter, die Kinder und Geschwister im selben Zimmer zusammenzog; ein Viertel, das nach Einbruch der Dunkelheit verstummte. Der Brauch der Sommernächte unter dem Himmel, seit Generationen Teil des Bagdader Alltags, hatte etwas von seiner Unschuld verloren.
Abu Tabar hatte keine politische Botschaft. Er hatte keine Ideologie. Er hatte keine Forderungen. Und genau das machte ihn unberechenbar auf eine Art, mit der der Sicherheitsapparat nicht umzugehen wusste.
IV. Der Täter und seine Methode
Sein richtiger Name, wie er nach der Festnahme bekannt wurde, war Hatem Kadhim al-Hadham — auf Arabisch: حاتم كاظم الهضم. Er wurde 1932 in Hillah in der Provinz Babylon geboren; spätere Quellen nennen auch al-Musayyib als Geburtsort. Die Widersprüche sind typisch für eine Quellenlage, die sich auf irakische Medien der 1970er Jahre und spätere Rekonstruktionen stützt.
Al-Hadham hatte die Polizeischule besucht und 1951 mit dem Rang eines Polizeikommissars abgeschlossen. Ein Jahr später wurde er entlassen. Er immatrikulierte sich bei der Luftwaffe und wurde 1956 exmatrikuliert, weil er Trainingsflugzeuge wie ein Stuntpilot durch den Himmel gejagt hatte. Es war das Verhalten eines Mannes, der Grenzen nicht erkannte — oder erkannte und ignorierte.
Er sprach Arabisch, Englisch, Deutsch, Persisch und Kurdisch. Diese sprachliche Begabung ist kein Nebensatz: Sie ist Teil des Bildes, das spätere Rekonstruktionen von ihm zeichnen — ein Mann, der sich in verschiedenen Kontexten bewegen konnte, der nicht auffiel, der anpassungsfähig war auf eine Weise, die im Nachhinein beunruhigt.
Waffen und Methode
Über seine Methode schreiben spätere Rekonstruktionen, er habe seine Taten oft mit einem Telefonanruf begonnen — einem scheinbar sinnlosen Gespräch, Drohungen, Beschimpfungen — und sei dann an die Tür gegangen. Das diente vermutlich der Verifikation: Wer ist zu Hause, wer öffnet die Tür, wer ist allein.
Al-Hadham brachte bei seinen Einbrüchen ein Handtuch, eine Eisenstange oder ein Metallrohr und eine Pistole mit. Die Tatwaffe, die dem Namen Abu Tabar Sinn geben sollte, war in den meisten dokumentierten Fällen kein Beil. Es war eine Stange. Der Mythos des Beils gehört zur Überlieferungsgeschichte des Falls; er deckt sich nicht vollständig mit den rekonstruierten Tatabläufen.
Nach den Taten ließ al-Hadham sich Zeit. Er durchsuchte die Häuser systematisch. Nach späteren Rekonstruktionen nutzte er die Familienfahrzeuge, um Diebesgut abzutransportieren. In mehreren Darstellungen wird beschrieben, dass er im Haus aß und trank, bevor er es verließ — als gehörte es ihm.
Er hatte Komplizen. Sein Neffe Hussein Ali Hassoun begleitete ihn bei mehreren Taten. Später kamen, laut späteren Quellen, auch seine Frau und ihre Brüder hinzu. Das weist eher auf eine kriminelle Struktur als auf das Handeln eines völlig isolierten Einzeltäters hin.
V. Die politische Schattenebene
Hier ist das, was man über den Irak in jenen Monaten wissen muss: Am 30. Juni 1973 hatte Nadhim Kzar, der Direktor des Allgemeinen Sicherheitsdirektorats — eines der mächtigsten und gefürchtetsten Geheimdienstapparate des Landes — versucht, Präsident al-Bakr und Vizepräsident Saddam Hussein zu ermorden. Der Putsch scheiterte. Kzar wurde hingerichtet. Aber der Versuch hatte den Sicherheitsapparat erschüttert.
Die große öffentliche Panik um Abu Tabar fiel in die Monate nach dem gescheiterten Putschversuch von Nadhim Kzar.
Das ist eine Koinzidenz, die im Irak bis heute Fragen aufwirft. Abu Tabar wurde in späteren Darstellungen mit dem Netzwerk von Kzars ehemaliger Polizei in Verbindung gebracht. Was das konkret bedeutete — ob al-Hadham aktiv eingebunden war, ob er gedeckt wurde, ob er operativ genutzt wurde oder schlicht ein ehemaliger Polizist war, der in den Strukturen des alten Apparats verankert blieb — ist in den zugänglichen Quellen nicht belastbar aufgeklärt.
Am 1. Oktober 1973 fand in Bagdad eine Durchsuchungsaktion statt, die in ihrem Ausmaß über das hinausging, was eine normale kriminalistische Fahndung erfordert hätte. Irakischen Rekonstruktionen zufolge wurden bei dieser Aktion neben der eigentlichen Fahndung auch politische Gegner erfasst, gesuchte Personen festgenommen, Informationen über Personen in der Nähe des Republikanischen Palastes gesammelt. Saddam Hussein selbst soll die Mordserie in einer Rede jener Zeit erwähnt haben — in einer Formulierung, die sie als gesellschaftliches Problem rahmte und den Staat als Garant der Ordnung positionierte.
Die hartnäckigste Frage in der irakischen Erinnerungsgeschichte des Falls lautet nicht: Wer war Abu Tabar? Diese Frage ist beantwortet. Die Frage lautet: Warum war er so schwer zu fassen?
Eine im Irak bis heute kursierende Antwort: weil er gedeckt wurde. Weil Teile des Sicherheitsapparats, der aus Kzars Netzwerk stammte und nach dem Putschversuch zerschlagen, aber nie vollständig aufgelöst worden war, ihn schützten — bewusst oder durch informelle Verbindungen, durch Zugang zu Polizeifunkfrequenzen, durch das Schweigen derer, die wussten und nicht sprachen. Diese Deutung ist wirkmächtig. Sie ist Teil des kollektiven Gedächtnisses des Falls im Irak. Ob sie zutrifft, ist nicht beweisbar.
VI. Die Festnahme
Die meisten späteren Rekonstruktionen nennen den 30. März 1974 als Festnahmedatum; andere Darstellungen weichen in der Chronologie ab. Was feststeht: Al-Hadham wurde bei oder nach einem Einbruch festgenommen. Zunächst gab er sich als Mitglied der Luftwaffe aus — eine Lüge, die eine Weile funktionierte. Erst als Beamte seine Wohnung durchsuchten, fanden sie, was ihn überführte: teure Radios, Schmuck, Kleidung — die materielle Spur seiner Taten, aufgehäuft in den eigenen vier Wänden.
Ein Detail, das in irakischen Nacherzählungen immer wieder auftaucht: Al-Hadham hatte zeitweise selbst an den Sicherheitsdurchsuchungen teilgenommen, die nach Abu Tabar fahndeten. Er war unter jenen, die suchten, was er war. Als er schließlich identifiziert wurde, zweifelten Kollegen zunächst an der Identifizierung — weil der Mann, dem sie gerade vertraut hatten, nicht in das Bild des Monsters passte, das in der öffentlichen Vorstellung existierte.
Das ist vielleicht das beunruhigendste Detail des ganzen Falls.
VII. Fernsehen, Geständnis und Staat
Die Staatsmedien übernahmen den Fall mit einem Appetit, der über bloße Nachrichtenvermittlung hinausging. Al-Hadham wurde der Öffentlichkeit im Fernsehen präsentiert. Geständnisse wurden ausgestrahlt. Über den genauen Inhalt und Ablauf dieser Fernsehpräsentation liegen keine öffentlich zugänglichen Originalquellen vor; die Beschreibungen in späteren Darstellungen variieren.
Sinngemäß nach späteren irakischen Fallrekonstruktionen — Fernsehgeständnis, 1974
Al-Hadham gestand auf Befragung vor laufenden Kameras seine Beteiligung an den Taten und nannte die Namen seiner Komplizen — seinen Neffen, seine Frau, ihre Brüder. Auf die Frage nach seinen Motiven soll er zwei Antworten gegeben haben: erstens, dass er töten musste, um sich frei im Haus bewegen und stehlen zu können; zweitens, dass er psychologisch belastet sei und manchmal einfach töten wollte.
Ob das Geständnis unter Druck entstand oder dem Fernsehpublikum zugeschnitten wurde — das lässt sich aus der Distanz von fünf Jahrzehnten und ohne Zugang zu den irakischen Strafakten nicht beurteilen. Was sich beurteilen lässt: Das Regime hatte ein Interesse daran, dass das Geständnis vollständig, eindeutig und öffentlich war. Das Monster, das man der Nation zeigt, gesteht vor laufenden Kameras — und die Nation sieht, dass der Staat es besiegt hat.
VIII. Das Urteil
Auch über das Ende des Falls herrscht in den Quellen keine Einigkeit. Spätere Quellen nennen als Hinrichtungsdatum den 18. Juni 1976; andere Darstellungen nennen den 8. Oktober 1974 — mit dem Zusatz, die Vollstreckung durch Hängen habe beim ersten und zweiten Versuch nicht funktioniert und erst beim dritten Anlauf zum Tod geführt. Die zugängliche Überlieferung ist hier widersprüchlich, und die Lücken in den irakischen Primärarchiven erlauben keine abschließende Klärung.
Was feststeht: Er wurde hingerichtet. Die Strafe, die das Regime für Abu Tabar vorgesehen hatte, war nicht Gefängnis. Sie war Tod.
Epilog: Was eine Angst kann
Ich schreibe diese Akte und denke an die Familien in den Vierteln, die in der Hitze des Bagdader Sommers die Büsche vor ihren Häusern zurückschnitten und Lampen installierten, die die ganze Nacht brannten. Ich denke an die Kinder, die von den Dächern ins Innere der Häuser gezogen wurden, weil der offene Himmel plötzlich keine Sicherheit mehr versprach.
Ich denke an Hatem Kadhim al-Hadham, der an den Sicherheitsdurchsuchungen teilnahm, die nach ihm fahndeten.
Es gibt eine Logik in diesem Fall, die über den Kriminalfall hinausgeht. Eine Gesellschaft in Panik ist eine Gesellschaft, die den Staat um Schutz bittet. Ein Staat, der Schutz anbietet, kann viel verlangen. Abu Tabar hat dem irakischen Sicherheitsapparat im Jahr 1973 etwas gegeben, das dieser dringend brauchte: einen Grund, überall zu sein. Ob das von jemandem geplant wurde, ob es schlicht eine Kongruenz von Interessen war — das wissen wir nicht.
Was wir wissen: Die Panik kam und der Staat kam mit ihr. Und als Abu Tabar gefunden wurde, verschwand die Panik. Aber der Staat blieb.
Kein Fall ist je wirklich geschlossen.
Quellen & weiterführende Dokumente
Zeitgenössische und irakische Primärquellen
· Irakische staatliche Presseberichterstattung 1973–1974 (verstreute Berichte in arabischen Digitalisierungsarchiven)
· Irakischer Staatsfunk und Fernsehen, Berichte zur Festnahme (sinngemäß in späteren irakischen Darstellungen überliefert)
· Algardenia.com: Rückblick auf die Abu-Tabar-Akte nach über 40 Jahren, 2013
Spätere Aufarbeitungen & politischer Kontext
· Kanan Makiya: Republic of Fear. The Politics of Modern Iraq. University of California Press, 1989/1998
· US State Department: Foreign Relations of the United States 1969–1976, Band XXVII

